Was nennt das Lutherische Bekenntnis "Kirche"?

 

 

1. Die una sancta, ...

a) ... die wunderbar besteht, wunderbar entsteht und durch Wort und Sakrament auf sich hinweist

b) ... die nur ein Einheitsband braucht

c) ... die nur eine Art von Mitgliedern hat

2. Kirchgemeinden

die sich vor Ort mit Wort und Sakrament dienen lassen

und sich dafür Pastoren berufen und ordinieren

1. Die una sancta

Mit der Alten Kirche bekennen die Väter der Reformationszeit "ein heilige christliche Kirche, die Gemeine der Heiligen" (so im Apostolicum; BSLK, S. 21) bzw. "eine heilige, christliche, apostolische Kirche" (so im Nicänum; BSLK, S. 27). Diese "Kirche" nennt der Kleine Katechismus in seiner Erklärung des 3. Artikels "die ganze Christenheit auf Erden" (BSLK, S. 512), und Luther sagt im Großen Katechismus, den christlichen Leser einschließend:

  • "Derselbigen bin ich auch ein Stück und Gelied, aller Güter, so sie hat, teilhaftig und Mitgenosse, durch den heiligen Geist dahingebracht und eingeleibet (eingefügt) dadurch, daß ich Gottes Wort geh"rt habe und noch h"re, welchs ist der Anfang hineinzukommen." (BSLK, S. 657; 2. Hauptstück, § 52))
  • a) ... die wunderbar besteht, wunderbar entsteht

    und durch Wort und Sakrament auf sich hinweist

    Die eine Kirche besteht wunderbar: weltweit in vielen verschiedenen Staaten, für alle Zeit, trotz daß sie Feinde hat und keine weltlichen Machtmittel besitzt. Sie entsteht wunderbar durch die Verkündigung des Wortes Gottes oder Evangeliums bzw. durch das Wirken des Heiligen Geistes, dessen Mittel die Botschaft der Bibel und die beiden Sakramente sind. Deshalb glauben die Väter der Reformationszeit die Kirche überall dort, wo Gottes Wort und Lehre bezeugt, geh"rt und bekannt sowie die beiden Sakramente in Gottes Sinn gespendet werden.

  • vgl. dazu oben unter 1)

    Luthers Wort aus dem Großen Katechismus:

    "... durch den heiligen Geist dahingebracht und eingeleibet (eingefügt) dadurch, daß ich Gottes Wort gehört habe und noch höre, welchs ist der Anfang hineinzukommen." (BSLK, S. 657)

    Apol. 7, § 20; BSLK, S. 238

    "Und wir reden nicht von einer erdichten Kirchen, die nirgend zu finden sei, sondern wir sagen und wissen fürwahr, daß diese Kirche, darinne Heiligen leben, wahrhaftig auf Erden ist und bleibet, nämlich daß etliche Gottes Kinder sind hin und wider in aller Welt, in allerlei K"nigreichen, Inseln, Ländern, Städten vom Aufgang der Sonnen bis zum Niedergang, die Christum und das Evangelium recht erkennt haben; und sagen: dieselbige Kirche habe diese äußerliche Zeichen: das Predigtamt oder Evangelium und die Sakrament. Und dieselbige Kirche ist eigentlich, wie Paulus sagt, eine Säule der Wahrheit, denn sie behält das reine Evangelium, den rechten Grund."

    Apol. 7, § 9+10; BSLK, S. 235f

    "Und der Artikel von der katholick oder gemein Kirchen, welche von aller Nation unter der Sonnen zusammen sich schickt, ist gar tröstlich und hochnötig. Denn der Hauf der Gottlosen ist viel größer, gar nahe unzählig, welche das Wort verachten, bitter hassen und aufs äußerste verfolgen, als da sein Türken, Mahometisten, andere Tyrannen, Ketzer usw. Darüber wird die rechte Lehre und Kirche oft so gar unterdrückt und verloren, wie unterm Papsttum geschehen, als sei keine Kirche, und läßt sich oft ansehen, als sei sie gar untergangen. Dagegen daß wir gewiß sein mügen, nicht zweifeln, sondern fest und gänzlich gläuben, daß eigentlich eine christliche Kirche bis an das Ende der Welt auf Erden sein und bleiben werde, ... so ist der tröstliche Artikel im Glauben gesetzt: 'Ich gläube ein katholick, gemeine, christliche Kirche', damit niemands denken m"chte, die Kirche sei, wie ein ander äußerlich Polizei, an dieses oder jenes Land, Königreich oder Stand gebunden, wie von Rom der Papst sagen will; sondern daß gewiß wahr bleibt, daß der Hauf und die Menschen die rechte Kirche sein, welche hin und wieder in der Welt, von Aufgang der Sonne bis zum Niedergang, an Christum wahrlich gläuben, welche denn ein Evangelium, einen Christum, einerlei Tauf und Sakrament haben, durch einen heiligen Geist regiert werden, ob sie wohl ungleiche Ceremonien haben."

    vgl. auch den Anfang von CA 7; BSLK, S. 61

    AS C Von der Kirchen; BSLK, S. 459

    "Wir gestehen ihn (gem. sind die Vertreter des Papsttums) nicht, daß sie die Kirche sein, und sind's auch nicht; und wollen's auch nicht h"ren, was sie unter dem Namen der Kirchen gebieten oder verbieten; denn es weiß gottlob ein Kind von 7 Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und 'die Schäflin, die ihres Hirten Stimme h"ren'; ... Diese Heiligkeit stehet (besteht) nicht in Chorhembden, Platten, langen Rocken und andern ihren Zeremonien, durch sie uber die heilige Schrift ertichtet, sondern im Wort Gottes und rechten Glauben."

  • b) ... die nur ein Einheitsband braucht

    Wort und Sakrament bezeichnet das Lutherische Bekenntnis gleichzeitig als das völlig ausreichende Einheitsband:

    CA 7 § 2-4 (BSLK, S. 61)

  • "Dann dies ist gnug zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirchen, daß da einträchtiglich nach reinem Verstand das Evangelium gepredigt und die Sakrament dem gottlichen Wort gemäß gereicht werden. Und ist nicht not zur wahren Einigkeit der christlichen Kirche, daß allenthalben gleichformige Ceremonien, von den Menschen eingesetzt, gehalten werden, wie Paulus spricht zun Ephesern am 4.: 'Ein Leib, ein Geist, wie ihr berufen seid zu einerlei Hoffnung eures Berufs, ein Herr, ein Glaub, ein Tauf."

    Apol. 7, § 31 (BSLK, S. 241)

    "Wir sagen, daß diejenigen ein einträchtig Kirche heißen, die an einen Christum gläuben, ein Evangelium, einen Geist, einen Glauben, einerlei Sakrament haben, und reden also von geistlicher Einigkeit, ohne welche der Glaube und ein christlich Wesen nicht sein kann."

  • c) ... die nur eine Art von Mitgliedern hat

    Die katholische Seite wollte auch die Heuchler für Glieder der una sancta halten. Alle, die den Papst als "Statthalter Christi" anerkannten und sich so der von ihm geleiteten kirchlichen Organisation einfügten, sollten die Kirche bilden (Apol. 7, § 23-25; BSLK, S. 239f). Das lehre doch Jesus mit seinem Gleichnis vom Fischnetz, und auch Johannes der Täufer, wenn er von der Tenne spreche, auf der Weizen und Spreu liege. Deshalb beginnt der Kirchen-Artikel der Apologie mit den Worten:

  • "Den siebenten Artikel unsers Bekenntnis, da wir sagen, christliche Kirche sei die Versammlung der Heiligen, verdammen die Widersacher und führen weitläuftig Geschwätz ein, daß die Bösen und Gottlosen von der Kirchen nicht sollen gesondert werden, ..." (Apol. 7; BSELK, S. 233).
  • Doch die Väter erwidern:

  • "Wir haben eben darum und aus dieser Ursach den achten Artikel dazu gesetzt, daß niemands darf Gedanken fassen, als wollten wir die B"sen und Heuchler von der äußerlichen Gesellschaft der Christen oder Kirchen absondern ... Aber die christliche Kirche besteht nicht allein in Gesellschaft äußerlicher Zeichen, sondern steht furnehmlich in Gemeinschaft inwendig der ewigen Güter im Herzen; als des heiligen Geistes, des Glaubens, der Furcht und Liebe Gottes. Und dieselbige Kirche hat doch auch äußerliche Zeichen, dabei man sie kennt, nämlich wo Gottes Wort rein gehet, wo die Sakrament demselbigen gemäß gereicht werden, da ist gewiß die Kirche, da sein Christen und dieselbige Kirche wird allein genennet in der Schrift Christus Leib." (§ 2 und § 5; BSLK; S. 234f; ebenso § 20, S. 238)
  • Außerdem stellen sie zum Schriftargument der Römisch-Katholischen fest:

  • "Und da Christus spricht: Das Himmelreich ist gleich einem Netze, item den zehen Jungfrauen, will er nicht, daß die Bösen die Kirche sein, sondern unterricht, wie die Kirche scheinet in dieser Welt."

    (§ 19 bzw. S. 238)

  • Und:

  • "Wiewohl nu die Bösen und gottlosen Heuchler mit der rechten Kirche Gesellschaft haben in äußerlichen Zeichen, im Namen und Ämtern, dennoch, wenn man eigentlich reden will, was die Kirche sei, muß man von dieser Kirchen sagen, die der Leib Christi heißt und Gemeinschaft hat nicht allein in äußerlichen Zeichen, sondern die Güter im Herzen hat, den heiligen Geist und Glauben. Denn man muß je recht eigentlich wissen, wodurch wir Gliedmaß Christi werden, und was uns macht zu lebendigen Gliedmaßen der Kirche. Denn so wir würden sagen, daß die Kirche allein ein äußerliche Polizei wäre, wie andere Regimente, darinne Böse und Gute wären usw., so wird niemands daraus lernen noch verstehen, daß Christi Reich geistlich ist, wie es doch ist, darinne Christus inwendig die Herzen regieret, stärket, tr"stet, den heiligen Geist und mancherlei geistliche Gaben austeilet, sondern man wird gedenken, es sei eine äußerliche Weis, gewisse Ordnung etlicher Ceremonien und Gottesdienst."

    (§ 12f; BSLK, S. 236).

  • 2. Kirchgemeinden

    Daß die Väter der Bekenntnisschriften beim Begriff "Kirche" auch speziell an Kirchgemeinden denken können, wird dort deutlich, wo sie Fragen von Berufung, Ordination und Amtsführung erörtern. Für "Kirchen" (im alten Deutsch häufig scheinbar im Plural, obwohl nur ein Singular gemeint ist!) steht da gelegentlich "Gemeine". Diese Gemeinden wollen Wort und Sakrament in gottesdienstlichen Versammlungen und darüber hinaus für sich und für andere. Dazu berufen und ordinieren sie Pastoren. Für deren Amt hat das Bekenntnis eine größere Anzahl von Bezeichnungen; bis hin zum "Bischof", womit oft ebenfalls lediglich ein Gemeindehirte gemeint ist.

  • Tract. § 13+14; BSLK, S. 475

    "Item im Concilio Nicaeno ist beschlossen worden, daß ein itzliche Kirch einen Bischof fur sich selbst in Beiwesen (Beisein) eines oder mehr Bischofen, so in der Nähe wohneten, wählen sollte. Solch ist nicht allein in Orient ein lange Zeit, sonder auch in andern lateinischen Kirchen gehalten worden, wie solchs klar in Cypriano und Augustino ist ausgedruckt; denn so spricht Cyprianus epistola 4. ad Cornelium: 'Darumb sol man es fleißig nach dem Befelch Gottes und der Apostel Gebrauch halten, wie es dann bei uns und fast in allen Landen gehalten wurd, daß zu der Gemeinde (lat.: ad eam plebem), da ein Bischof zu wählen ist, andere des Orts nehent (nahe) gelegne Bischofe zusammen sollen kommen und in Gegenwart der ganzen Gemeinde (lat.: plebe praesente), die eins jeden Wandel und Leben weiß, der Bischof soll gewählet werden, ..."

    Tract. § 66+67; BSLK, S. 491

    "Darumb weil doch die verordneten Bischofe das Evangelion verfolgen und tuchtige Personen zu ordinieren sich wegern (weigern), hat ein igliche Kirch in diesem Fall guet Fueg und Recht (lat.: ecclesiae retinent jus suum), ihr selb Kirchendiener zu ordiniern; denn wo die Kirche ist, do ist je der Befelch, das Evangelion zu predigen. Darumb muessen die Kirchen (lat.: ecclesiam - Singular! im Deutschen aber nach heutiger Auffassung eine Plural!) die Gewalt behalten, daß sie Kirchendiener fordern, wählen und ordinieren."

  • Gemeint ist hier offensichtlich eine "Kirche vor Ort", die Ortsgemeinde.
  • So auch im Folgenden:

    "Darumb folget, wo eine rechte Kirche ist (lat.: Ubi est igitur vera ecclesia), daß da auch die Macht sei, Kirchendiener zu wählen und ordinieren, ..." (Tract. § 67)

    Apol. 28, § 13; BSLK, S. 400

    "So hat ein jeder christlicher Bischof potestatem ordinis, das ist, das Evangelium zu predigen, Sakrament zu reichen, auch hat er Gewalt eines geistlichen Gerichszwangs in der Kirchen, das ist, Macht und Gewalt aus der christlichen Gemeine zu schließen diejenigen, so in öffentlichen Lastern funden werden, und dieselbigen, wenn sie sich bekehren, wieder anzunehmen, und ihnen die Absolution mitzuteilen."

    FC - Epit. 10, § 4; BSLK, S. 814

    "Wir glauben, lehren und bekennen, daß die Gemein Gottes jdes Orts und jde Zeit nach derselben Gelegenheit Macht habe, solche Ceremonien zu ändern, wie es der Gemeinen Gottes am nützlichsten und erbaulichsten sein mag."

  • Ergebnis:

    Sprechen die Reformatoren von "Kirche", dann haben sie meistens die una sancta im Blick. Mußten sie im Gespräch mit ihren römisch-katholischen Gegnern daneben auch die Berufung und Ordination sowie die Aufgaben der Pastoren behandeln, gebrauchten sie ebenfalls den Begriff "Kirche", dann allerdings im Sinn von "Kirche vor Ort" oder eben "Ortsgemeinde", was sich dadurch bestätigt, daß sie in diesem Zusammenhang auch direkt zum Begriff "Gemeine" wechseln können. Ausführlicher zu sagen, wer solche "Kirchen" bildete, bestand im Rahmen der Bekenntnisschriften offensichtlich keine Notwendigkeit. Dem Zusamenhang nach sind solche Gemeinden aber immer alle die, die sich örtlich um Wort und Sakrament sammeln. Die Unterscheidung von "Gruppen" kennt das Bekenntnis nicht. Deshalb bietet es keine Handhabe, sogenannte "sekundäre Gruppen" unbedingt wie die örtliche Gemeinde "Kirche" zu nennen.

    Pfarrer St.Müller - Grottewitz am 29. Mai 2000 I H S