Was sagt das Lutherische Bekenntnis

von kirchlichen Ämtern?

 

 

1. Das konkrete Predigtamt und seine Träger

1.1. Die verschiedenen Namen für dasselbe konkrete Amt

1.2. Verschiedene Namen für die Träger desselben konkreten Amtes

a) Die häufigstens Amtsbezeichungen

b) "Diakon"

c) "Vorsteher"

1.3. Das übergemeindliche Bischofsamt

2. Der abstrakte Gebrauch des Wortes Predigtamt

3. Die göttliche Stiftung des Predigt- oder Gemeindehirtenamts

a) Dieses Amt ist von Gott befohlen

b) Dieses Amt kommt aus dem von Christus gestifteten Predigtamt der Apostel

c) Dieses Amt ist daher göttlichen Rechts

1. Das konkrete Predigtamt und seine Träger

Im Zusammenhang mit seinen Aussagen über kirchliche Ämter hat das Lutherische Bekenntnis eine größere Zahl von Begriffen. Sie zerfallen bei genauerem Hinsehen in 2 Gruppen. Einerseits gebrauchen die Väter der Reformationszeit verschiedene Namen für ein und dasselbe konkrete Amt. Andererseits kennen sie für die Träger dieses konkreten Amtes eine längere Reihe verschiedener Bezeichnungen.

 

1.1. Die verschiedenen Namen für dasselbe konkrete Amt

Neben dem Begriff "Predigtamt" gebraucht das Lutherische Bekenntnis auch die Ausdrücke "Kirchenregiment", "Kirchengewalt", "Kirchenamt" und "bischöflich Amt". Diese Begriffe sind zwar von verschiedenen Aspekten her geprägt, stehen aber für ein und denselben öffentlichen kirchlichen Dienst. Denn wie Augustana 14 als Kirchenregiment folgendes bezeichnet:

  • "öffentlich lehren oder predigen oder Sakrament reichen" (publice docere aut sacramenta administrare; BSLK, S. 69),
  • so sagen die Bekenntnisse an anderer Stelle, Kirchengewalt sei:

  • "das Evangelion predigen, Sünde vergeben und Sacramenta reichen", sowie die "Jurisdictio, daß man die, so in offentlichen Lastern liegen, bannen und, die sich bessern wollen, entbinden und absolvieren soll." (Tract. § 60; BSLK, S. 489). - In § 61f sind die Träger dieser "Gewalt" (= Amtsvollmacht) genannt: "Pastores"; und Synonyma).
  • Im selben Sinn spricht das Bekenntnis von Kirchenamt (Tract. ganz am Ende von § 62, und § 65). Zu ihm seien bestimmte "Kirchendiener zu ordinieren", weil ja die Kirche, an welchem Ort sie auch immer ist, den Befehl zur öffentlichen Predigt des Evangeliums habe (Tract. § 66)

    Dieses Amt wird auch "bischöflich Amt" genannt. Sein Träger hat zweifache Vollmacht:

  • "potestatem ordinis, das ist, das Evangelium zu predigen, Sakrament zu reichen, auch hat er Gewalt eines geistlichen Gerichtszwangs in der Kirchen, das ist, Macht und Gewalt aus der christlichen Gemeine zu schließen diejenigen, so in öffentlichen Lastern funden werden, und dieselbigen, wenn sie sich bekehren, wieder anzunehmen, und ihnen die Absolution mitzuteilen." (Apologie 28, § 13; BSLK, S. 400; vgl. "das bischöflich Ambt" in CA 28, § 20f; BSLK, S. 123) - Die Mitwirkung der Gemeinde bei der Kirchenzucht steht auf einem andern Blatt und ist nicht Thema dieser Arbeit.
  • Dasselbe meinen die Väter der Reformationszeit schließlich oft mit Predigtamt. Diese Synonymität zeigen schon folgende zwei Aussagen innerhalb e i n e s Zusammenhangs. Das Bekenntnis kann sowohl sagen:

    ein Bischof (in späterer Zeit) ordnet "zum Kirchenampt" (Tract. § 62);

    als auch: ein Bischof ordnet "zum Predigtamt" (Tract. § 64; vgl. § 70, wo der vom Bischof zum Predigtamt Ordinierte "Pfarrer" genannt wird). Ebenso nimmt Melanchthon in Apol. 13, § 7 (BSLK, S. 293) in den Blick "das Predigamt und das Amt die Sakrament zu reichen". Damit meint er nicht zwei Ämter, sondern eins. Denn im lateinischen Text heißt es: "de ministerio verbi et sacramentorum aliis porrigendorum". Das kann nur ein ganz bestimmtes Amt sein. (Im ganzen Abschnitt geht es um die Ordination, die in der lutherischen Kirche einerseits zu einem konkreten, andererseits nur zu einem ganz bestimmten konkreten Amt der Kirche vollzogen wurde. - Weitere Stellen, in denen "Predigtamt" ein ganz bestimmtes konkretes Amt meint, s. u. (unter Punkt 3b)

     

     

    1.2. Verschiedene Namen für die Träger desselben Amtes

    Das Lutherische Bekenntnis erwähnt als kirchlichen Amtsträger: den Presbyter, den Bischof/Episkopus, den Pfarrherrn, Pfarrer, Priester, Prediger, Pastor, Lehrer, Vorsteher der Gemeinde, sowie den Kirchendiener. Kirchengeschichtlich und regional mag mit dem einen oder anderen Titel noch Besonderes gemeint gewesen sein. Im wesentlichen sind alle diese Begriffe jedoch Synonyma. Sie bezeichnen den Gemeindehirten bzw. den - wie wir heute sagen - Pastor, Seelsorger, Pfarrer oder Prediger einer Gemeinde oder Parochie. Folgende Bekenntnisstellen zeigen dies besonders gut:

    a) für die häufigsten Amtsbezeichnungen:

    Pfarrer/Pfarrherr, Priester/Presbyter, Bischof/Episkopus, Prediger, Lehrer, Kirchendiener

     

    Tractatus § 60ff; BSLK, S. 489f

  • "... das Evangeli gebeutet denen, so den Kirchen sollen furstehen, daß sie das Evangelion predigen, Sünde vergeben und Sacramenta reichen sollen, und uber das gibt es ihnen die Jurisdictio, daß man die, so in offent lichen Lastern liegen, bannen und, die sich bessern wollen, entbinden und absolvieren soll. Nun muß es jedermann, auch unsere Widersacher bekennen, daß diesen Befelch zugleich alle haben, die den Kirchen fur stehen, sie heißen gleich Pastores oder Presbyteri oder Bischofe. Darumb spricht auch Hieronymus mit hellen Worten, daß Episcopi und Presbyteri nicht unterschieden sind, sondern daß alle Pfarrherrn zugleich Bischofe und Priester sind und allegiert (führt an) den Text Pauli an Titum 1., do er zu Tito schreibet: 'Ich ließe Dich derhalb zu Kreta, daß Du bestelltest die Städte hin und her mit Priestern' und nennet solche ernach 'Bischofe'."

    Apologie 28. Von der Potestate Ecclesiastica. § 13; BSLK, S. 400

    "So hat ein jeder christlicher Bischof potestatem ordinis, das ist, das Evangelium zu predigen, Sakrament zu reichen, auch hat er ...".

    Apologie 9. Von der Beicht. § 3ff; BSLK, S. 250f

    "Was aber die gewisse Zeit der Beicht belanget, so ist es wahr und den Widersachern unverborgen, daß in unsern Kirchen viel Leute des Jahrs nicht allein einmal, sondern oft beichten, der Absolution und des heiligen Sakraments brauchen. Und die Prediger, wenn sie von dem Brauch und Nutz der heiligen Sakrament lehren, lehren sie also, daß sie das Volk mit Fleiß ermahnen des heiligen Sakraments oft zu gebrauchen. ... So wird auch von unsern Predigern allzeit daneben gemeldet, daß die sollen verbannet und ausgeschlossen werden, die in öffentlichen Lastern leben, Hurerei, Ehebruch usw. Item so die heiligen Sakrament verachten."

  • Im selben Zusammenhang nennt das Bekenntnis die als Prediger angesprochenen "Pfarrer". Beispielsweise lautet der letzte Satz von § 5:
  • "Darum zwingen unsere Pfarrer diejenigen nicht, die nicht geschickt sein, das Sakrament zu empfangen."
  • Und der Anfang von § 9:

  • "Wo verständige, gottesfürchtige Pfarrer und Prediger sind, die werden wohl wissen, wiefern not und nütze sein mag die Jugend und sonst unerfahrene Leute in der Beicht zu fragen."
  • Der lateinische Text hat an dieser Stelle für Pfarrer und Prediger nur e i n Wort:

  • "Si sint boni pastores, ..." BSLK, S. 251

    (wie im lat. Text für Pfarrherr regelmäßig "pastor" steht).

  • Tractatus § 67; BSLK, S. 491

    "... denn wo die Kirche ist, da ist je der Befelch, das Evangelion zu predigen. Darumb muessen die Kirchen die Gewalt behalten, daß sie Kirchendiener fordern, wählen und ordiniern.

    Und solche Gewalt ist ein Geschenk, welchs der Kirchen eigentlich von Gott geben, und von keiner menschlicher Gewalt der Kirchen kann genommen werden, wie Paulus zeuget zun Ephesern, da er sagt: 'Er ist in die Hohe gefahrn und hat Gaben geben den Menschen.' Und under solchen Gaben, die der Kirchen eigen sind, zählet er Pfarrherrn und Lehrer (lat,: pastores et doctores), und hänget daran, daß solche gegeben werden 'zu Erbauung des Leibes Christi'. Darumb folget, wo eine rechte Kirche ist, daß da auch die Macht sei, Kirchendiener zu wählen und ordiniern."

    Offensichtlich denken die Väter des Bekenntnis bei Lehrer nicht an Schullehrer. Wie der Zusammenhang zeigt, nimmt der Tractatus diese Bezeichnung aus der Schriftstelle Eph 4,8-11, deren Anfang auch zitiert wird. Dort aber steht "didaskalos", was im NT nicht einfach "Schulmeister" bedeutet; vgl. die Konkordanz von Schmoller.

    Tractatus § 69f; BSLK, S. 491f

    unter Bezug auf 1 Petr 2,9: "Diese Wort betreffen eigentlich die rechte Kirchen, welche, weil sie allein das Priestertumb hat, muß sie auch die Macht haben, Kirchendiener zu wählen und ordinieren. Solches zeuget auch der gemeine Brauch der Kirchen; denn vorzeiten wählet das Volk Pfarrherrn und Bischofe. Darzu kam der Bischof am selben Ort oder in der Nähe gesessen, und bestätigte den gewählten Bischof durch Auflegen der Hände, ..."

  • Innerhalb dieser Vielfalt ist die Bezeichung "Prediger" mit mehr als 25mal am häufigsten. Gleich danach kommt in bezug auf Häufigkeit "Pfarrherr/Pfarrer", allein im Tractatus 14mal. Zählte man das Vorkommen aller Synonyme zusammen, käme man auf 50-60 Stellen, in denen vom konkreten Predigtamt die Rede ist - durch Nennung seiner Träger.

    b) für den Diakon

    Im Rückblick auf die Zeit der Alten Kirche spricht Tract. § 62 (BSLK, S. 490) von Diakonen als Mitarbeitern, die wohl - wie in Apg 6 skizziert - neben Pastoren größeren Gemeinden dienten. In anderem Zusammenhang und für ihre eigene Zeit meinen die Reformatoren mit "Diakon" aber offensichtlich Gemeindehirten.

     

  • Apologie 13. Von den Sakramenten. § 12; BSLK, S. 293

    "Denn die Kirche hat Gottes Befehl, daß sie soll Prediger und Diakonos bestellen (lat.: Habet enim ecclesia mandatum de constituendis ministris;

  • Sofern hier für "Prediger und Diakonos" nur e i n Wort steht, ist offensichtlich, daß ein "Diakon" damals nicht als Mitarbeiter neben oder außer dem Pfarrer gedacht war. Vom "Diakon" ist im Bekenntnis im übrigen sehr selten die Rede)."

    Daß ein "Archidiakon" (und damit doch auch ein "Diakonus") ein Prediger oder Gemeinde-Hirte war, zeigt die Göttinger Ausgabe durch Fußnote 2 auf S. 458, wo es heißt: "Zunächst begnügte sich Luther damit, neu ins Amt berufene Geistliche, die die Priesterweihe nicht besaßen, vor versammelter Gemeinde im Gottesdienste ins Amt einzuführen; erstmalig geschah dies am 14. Mai 1525 bei dem Wittenberger Archidiakon Georg Rörer." Vgl. Meusel, Kirchliches Handlexikon, Bd. 2, Stichwort: Diakon, Diakonus; und: Heussi, 10. Aufl. § 95 r: Paul Gerhardt war in Berlin Diakonus.

     

    c) für den "Vorsteher"

    Auch mit dem "Vorsteher der Gemeinde" in FC 10, SD § 10; BSLK, S. 1057 ist ausschließlich der Gemeindehirte gemeint:

  • "Wir gläuben, lehren und bekennen auch, daß zur Zeit der Bekanntnus, da die Feinde Gottes Worts die reine Lehre des heiligen Evangelii begehren zu unterdrücken, die ganze Gemeine Gottes, ja ein jeder Christenmensch, besonders aber die Diener des Worts als die Vorsteher der Gemeine Gottes schuldig sein, vormüge Gottes Worts, die Lehre und was zur ganzen Religion gehöret, frei öffentlich ... zu bekennen, ..."
  • Mit "Diener des Worts" meint das Bekenntnis Pastoren, wie die schon angeführte Stelle Tract. § 60ff zeigt ("... die den Kirchen furstehen, sie heißen gleich Pastores oder Presbyteri oder Bischofe."; s. S. 2/3)

     

     

    1. 3. Das übergemeindliche Bischofsamt

    Ein Bischof ist für die Väter des Bekenntnisses an mehreren Stellen freilich auch speziell das, was man heute darunter versteht: nämlich ein Pastor, der für ein besonders zugewiesenes Gebiet die Arbeit mehrerer anderer Pastoren beaufsichtigt und zusammenführt sowie Pastoren ordiniert und bei Wechseln ins neue Amt einführt. Dies zeigen nicht so sehr Aussagen der Augustana, deren 28. Artikel zwar "Von der Bischofen Gewalt" handelt, aber einerseits vor allem die Zwei-Reiche-Lehre herausstellt, und andererseits erörtert, ob Bischöfe von Gott die Vollmacht haben, Kirchengesetze zu erlassen und wie Gottesgebote auf die Gewissen zu legen (vgl. in der Apologie, BSLK, S. 397, § 3f). Positiv redet von diesem Punkt vor allem der

  • Tractatus § 62; BSLK, S. 490

    "'Daß aber einer allein erwählet ward, der ander unter ihm habe, ist geschehen, daß man damit der Zertrennung wehret, daß nicht einer hie, der ander dort ein Kirchen an sich zoge und die Gemeinde also zerrissen wurde; denn zu Alexandria (sagt er) von Marco, dem Evangelisten, an bis auf Esdram und Dionysium haben allezeit die Presbyteri ein aus ihnen erwählet und hoher gehalten und Episcopum (einen Bischofe) genennet, gleichwie ein Kriegsvolk einen zum Hauptmann erwählet, ...; denn sage mir, was tut ein Bischof mehr denn iglicher Presbyter, ohne daß er ander zum Kirchenampt ordnet" usw.?" (vgl. § 63, wo es heißt, daß ein "Bischofe auch in andern Kirchen Leut zum Predigtamt ordnete.")

  • Grundsätzlich wollten die Reformatoren dieses Amt anerkennen, allerdings lediglich als eine menschliche Ordnung.

  • + Apol. 28, § 12 (BSLK, S. 400): "Die Bischofe, so irtzund den Bischofsnamen tragen in der Kirchen, tun gar nicht ihr bischöflich Amt nach dem Evangelio. Aber laß sie gleich Bischofe sein der canonica politia nach, welche wir in ihrem Wert belassen."

    + Tract. § 63f (BSLK, S. 490): "Hie lehret Hieronymus, daß solche Unterschied der Bischofen und Pfarrherren allein aus menschlicher Ordnung kommen sei, wie man dann auch im Werk siehet; dann das Ampt und Befelch ist gar einerlei, und hat ernach allein die Ordinatio den Underschied zwischen Bischofen und Pfarrherrn gemacht, dann so hat man's darnach geordnet, ..."

  • 2. Der abstrakte Gebrauch des Wortes "Predigtamt"

    Vom konkreten Gebrauch des Begriffs Predigtamt (und seiner Synonyme, wie "Kirchenregiment", "Kirchenamt" usw.) ist der abstrakte Gebrauch zu unter scheiden, der sich hier und da in den Bekenntnisschriften findet. Gemeint ist damit der Dienst, den das Evangelium tut - durch alle Arten der Bezeugung, auch privatim.

     

  • Apologie 7, § 20 "Von der kirchen."; BSLK, S. 238

    "Und wir reden nicht von einer erdichten Kirchen ..." sondern "sagen, dieselbige Kirche habe diese äußerliche Zeichen: das Predigtamt oder Evangelium und die Sakrament."

    FC 11. Von der ewigen Vorsehung. SD § 29; BSLK, S. 1072

    "Und solchen Beruf Gottes, so durch die Predigt des Worts geschieht, sollen wir vor kein Spiegelfechten halten, sondern wissen, daß dadurch Gott seinen Willen offenbaret, daß er in denen, die er also beruft, durchs Wort wirken wölle, daß sie erleuchtet, bekehret und selig werden mögen. Denn das Wort, dardurch wir berufen werden, ist ein Ambt des Geistes ...".

  • dementsprechend wird in SD 12. § 30 verworfen:

  • "Daß der Kirchendienst, das gepredigte und gehörte Wort nicht sei ein Mittel, dadurch Gott der H. Geist die Menschen lehre, seligmachende Erkenntnus Christi, Bekehrung, Buß, Glauben und neuen Gehorsam in ihnen wirke."; BSLK, S. 1097)

    vgl. schon Apol. 4, § 73 (BSLK, S. 175):

    "Denn wir haben oben genug gesagt, daß der Glaub durchs Wort kommt; so preisen wir das Predigtamt und Wort höher und mehr denn die Widersacher, ..."

  • Ob der deutsche Text von CA 5 hierher gehört, muß offenbleiben. Er kann ja sowohl im abstrakten als auch im konkreten Sinn verstanden werden, je nachdem, ob man ihn von den Schwabacher Artikeln oder von Melanchthons lateinischem Text her interpretiert.

    An einigen Stellen der Bekenntnisschriften geht wahrscheinlich der abstrakte Gebrauch des Begriffes "Predigtamt" in den konkreten über. In aller Regel folgt aber - und das ist das Entscheidende - eine Konkretisierung durch Nennung des konkreten Amtsträgers. Und der hat immer einen von den unter Punkt 1.2. angeführten Titeln, wie "Pfarrer", "Prediger", usw. Z. B. CA 28, § 9f im Vergleich mit § 20f; (BSLK, S. 122-124); und: Apol 15, § 44; BSLK, S. 305: "höchster Gottesdienst" - "höchstes Amt" - "von Predigern gelehrt")

     

    3. Die göttliche Stiftung des Predigt- oder Gemeindehirtenamtes

    a) Dieses Amt ist von Gott befohlen

    Nach dem Lutherische Bekenntnis ist es Gottes Wille für die Gemeinden, daß sie sich sein Wort predigen und die Sakramente reichen lassen. Gelegentlich sprechen die Reformatoren in diesem Zusammenhang vom "Befehl" oder vom "Befohlen-Sein", mit Gott als Ausgangspunkt dieser Weisung.

     

  • Apologie 13, § 11; BSLK, S. 293f

    "Denn das Predigtamt hat Gott eingesetzt und geboten (lat.: habet mandatum Dei), und hat herrliche Zusage Gottes ..., so möcht man auch das Auflegen der Hände ein Sakrament nennen. Denn die Kirche hat Gottes Befehl, daß sie soll Prediger und Diakonos bestellen."

    Tractatus § 26; BSLK, S. 479

    "Nun ist je das Predigampt an kein gewiß Ort noch Person gebunden, wie der Leviten Ampt im Gesetz gebunden war, sondern es ist durch die ganze Welt ausgestreuet und ist an dem Ort, an dem Gott seine Gaben gibt: Apostel, Propheten, Hirten, Lehrer etc. Und tut die Person (lat.: personae autoritas) garnichts zu solchem Wort und Ampt, von Christo befohlen, ..."

    Apologie 28, § 13f; BSLK, S. 400

    "So hat ein jeder christlicher Bischof potestatem ordinis, das ist, das Evangelium zu predigen, Sakrament zu reichen, auch hat er ... Macht und Gewalt aus der christlichen Gemeinde zu schließen ... und dieselbigen, wenn sie sich bekehren, wieder anzunehmen, und ihnen die Absolution mitzu teilen. Sie haben aber nicht eine tyrannische Gewalt ..., sondern haben ein gewiß Gottes Gebot und gemessen Befehl, ..."

  • b) Dieses Amt kommt aus dem von Christus gestifteten Predigtamt der Apostel

    Aus welchen Schriftstellen die für alle Zeiten gültige göttliche Anordnung des öffentlichen Predigtamtes hervorgeht, wird im Bekenntnis nicht umfassend dargestellt. Das hielt man in der Reformationszeit offensichtlich nicht für nötig. Die göttliche Stiftung des Amtes der Kirche war ja nicht umstritten, so daß im ganzen Bekenntnis kein spezieller Artikel "Vom Predigtamt" zu finden ist. Aber soviel wird dennoch klar: Das Bekenntnis begründet zwar mit 1Petr 2,9, daß "die rechte Kirche ... das Priestertumb" hat und damit die Vollmacht, "Kirchendiener zu wählen und zu ordiniern" (Tract. § 69; BSLK, S. 491), leitet aber das Gemeindehirtenamt nicht einfach vom Allgemeinen Priestertum ab. Vielmehr läßt es die Worte Christi, die er bei der Berufung der Apostel in ihr konkretes öffentliches Predigtamt sprach, als Einsetzungsworte für das konkrete öffentliche Predigtamt aller Zeiten gelten. Im Zusammenhang mit dem Nein zur römisch-katholischen Sukzessionslehre heißt es: Weil Paulus für sein öffentliches Predigen nicht die Erlaubnis von Petrus einholte, "haben wir eine gewisse Lehre, daß das Predigampt vom gemeinen Beruf der Apostel herkommet" (Tract. § 10; BSLK, S. 474). Damit setzt das Bekenntnis an die Stelle des Primates Petri die allen Aposteln gemeinsam oder gleichermaßen zuteil gewordene Berufung ins Predigtamt durch Christus. Das wird an anderer Stelle bestätigt:

  • Tractatus § 9; BSLK, S. 473

    "Johannis 20. sendet Christus seine Jünger zugleich zum Predigampt ohn alle Unterschied, daß einer weder mehr noch weniger Gewalt soll haben dann der ander".

  • Diese Tatsache ist dem Bekenntnis - nach dem Zusammenhang dieser Stelle - auch für die heutigen Träger desselben Predigtamtes maßgebend: Kein Pastor ist höher als andere Pastoren und keiner darf sich eine Herrschaft in der Kirche anmaßen. vgl. § 7f. Noch deutlicher ist folgende Stelle:

  • Augustana 28, § 5ff; BSLK, S. 121

    "Nun lehren die Unseren also, daß der Gewalt der Schlussel oder der Bischofen (Schwab. Art.: "der Bischof oder Priester Amt") sei, lauts des Evangeliums, ein Gewalt und Befehl Gottes, das Evangelium zu predigen, die Sunde zu vergeben und zu behalten und die Sakrament zu reichen und handeln. D e n n Christus hat die Apostel mit diesem Befehle ausgesandt Joh. 20: 'Gleichwie mich mein Vater gesandt hat, also sende ich euch auch. Nehmet hin den heiligen Geist; welchen ihr ihre Sünden erlassen werdet, ..." - Im lat. Text ist noch hinzugefügt. "Et Marc. XVI: Ite, praedicate evangelium omni creatures etc."

  • Hier ist die Aussage, daß die Gemeindebischöfe Gottes Befehl zu ihrem Amt (mit all seinen Funktionen) haben, ausdrücklich begründet mit den Sendungsbefehlen Christi an seine Jünger, d. h. Apostel. So nimmt es nicht wunder, daß das Weideamt der Apostel - nach dem Lutherischen Bekenntnis - dieselben Funktionen hatte, wie sie das Weideamt der Gemeindehirten haben soll:

  • "Daß nun an andern Orten stehet: 'Weide meine Schafe' ..., (daraus) folget noch nicht, daß Petrus mehr Gewalt sollt' haben denn andere Apostel, sondern er heißt ihn weiden, das ist das Evangeli predigen oder die Kirchen durchs Evangeli regiern, das gehet je eben sowohl auf andere Apostel als auf Petrum. - Der ander Artikel ist noch klärer denn der erste; denn Christus hat seinen Jungern allein geistlich Gewalt geben, das ist, befohlen, das Evangelium zu predigen, Vergebung der Sunden zu verkundigen, die Sakrament zu reichen und die Gottlosen zu bannen ohn leiblich Gewalt durchs Wort. ... dann so spricht Christus: ' Gehet hin und lehret, daß man das halte, was ich Euch geboten hab' ..." (Tractatus § 30f; BSLK, S. 480f).
  • Auch dieses Zitat steht innerhalb des Tractatus' noch in der Begründung seiner o. g. Aussage, daß das Predigtamt von der allen Aposteln gleichermaßen zuteilgewordenen Berufung aus dem Mund des Sohnes Gottes herkommt. Zu den berufenden Worten Christi wird hier (neben Joh 20,21ff und Mk 16,15f) auch Mt 28,19f gerechnet, das damit also auch als Einsetzungswort für das Predigt- oder Gemeindehirtenamt aller Zeiten gilt. - So sagt das Bekenntnis an vielen Stellen ganz klar, daß das heutige konkrete Hirten- und Predigtamt für die Gemeinde die Fortsetzung des von Christus eingesetzten Hirten- und Predigtamtes der Apostel ist und damit dasselbe Amt wie ihres. Dabei liegt es den Vätern fern, das Besondere am Apostelamt zu leugnen.
  • c) Dieses Amt ist daher göttlichen Rechts

    Nach Tract. § 63f (BSLK, S. 490) kann das, was "aus menschlicher Ordnung kommen" ist, wie das übergemeindliche Bischofsamt, nicht göttlichen Rechts sein, sondern nur das, was Gott geordnet oder angeordnet hat. Und das trifft für das neutestamentliche Bischofsamt zu. - Das steht zwar nicht ausdrücklich da, ergibt sich aber als Schlußfolgerung aus dem Gegensatz zur Menschen ordnung des späteren Bischofsamtes. Jedoch wird es an anderer Stelle auch ausdrücklich gesagt:

  • Augustana 28, § 20ff; BSLK, S. 123f

    "Derhalben ist das bischoflich Ambt nach gottlichen Rechten das Evangelium predigen, Sünde vergeben, Lehr urteilen und die Lehre, so dem Evangelium entgegen, verwerfen und die Gottlosen, dero gottlos Wesen offenbar ist, aus christlicher Gemein ausschließen, ohn menschlichen Gewalt, sondern allein durch Gottes Wort. Und desfalls seind die Pfarrleut und Kirchen schuldigt, den Bischofen gehorsam zu sein, lauts dieses Spruchs Christi, Lucä am 10.: 'Wer euch höret, der höret mich'".

  • Weil aber die Träger dieses "bischöflichen Amtes" (des NT) später Pastoren genannt wurden, zieht Tract. § 65 den weiteren Schluß "daß nach göttlichem Recht kein Unterschied ist zwischen Bischofen und Pastoren oder Pfarrherren". Das Ordinieren zu diesem Amt kann nach einer menschlichen Ordnung zwar auf ein übergemeindliches Amt übertragen werden. Wenn aber dieses ausfällt oder aus Lehrgründen nicht in Fragen kommt, dann "sind die Kirchen (= Gemeinden) vor Gott nach gottlichem Recht schuldig, ihnen selbst Pfarrherren und Kirchendiener zu ordinieren". (Tract. § 72; BSLK, S. 492). Da die Gemeinden das "königliche Priestertum" haben (§ 69), sind sie dazu fähig und bevollmächtigt. Sie wären aber deswegen trotzdem nicht "nach göttlichem Recht schuldig", irgendwelche Gemeindehelfer einzusetzen. Die Einsetzung des Gemeindehirten-Amtes - wie auch seine Funktionen - sind göttlichen Rechts, weil dieses Amt von Gott befohlen ist. Das Gemeindehirtenamt ist von Gott geordnet und befohlen; seine Funktionen und seine Aufrichtung ist göttlichen Rechts.

    Die Gemeinden sollen freilich nach Möglichkeit die Einsetzung ins Hirtenamt nicht ohne die (noch) vorhandenen Hirten vornehmen. In der o. g. Stelle (§ 72) ist nämlich im lat. Text der Pflicht der Gemeinden noch hinzugefügt: "adhibitis suis pastoribus", d. h.: "unter Hinzuziehung ihrer Pastoren". Das können Pastoren aus Nachbargemeinden sein. Wenn jedoch die Gemeinde noch einen Pastor hat, der aber vielleicht gebrechlich ist, oder für den die Gemeinde zu groß geworden ist, kann auch dieser ordinieren und so die Berufung öffentlich bestätigen. Denn weil "Bischöfe" und "Pfarrherren" Synonyme sind, "ist's je ohn Zweifel, wenn ein Pfarrherr in seiner Kirchen (= Gemeinde) etliche tuchtige Personen zun Kirchenämptern ordnet, daß solche Ordinatio nach gottlichen Rechten kräftig und recht ist." (Tract. § 65; BSLK, S. 490).

    Der Leser kann versucht sein, bei diesen "zun Kirchenämptern" Ordinierten beispielsweise an Katecheten zu denken. Wenn die Bekenntnisschriften jedoch nirgendwo erkennen lassen, daß solche Mitarbeiter zur Reformationszeit üblich waren und noch dazu als im Kirchen- oder Predigtamt stehend angesehen und ordiniert wurden, kann dergleichen in diese eine Stelle auch nicht hineingelesen werden. Die Väter der Reformationszeit bedenken schließlich nur, was geschehen soll, wenn die altgläubigen Bischöfe sich weigern, lutherische Kandidaten ins Amt einzuführen. Für diesen Fall sehen sie: Die Ordination neuer Pastoren durch schon tätige Pastoren wäre recht und ein so gesandter wäre von Gott mit der Wortverkündigung, Sakramentsverwaltung und Gemeindeleitung beauftragt. Würde man unter der Ordination zu Kirchenämtern nicht eine solche zu Pfarrämtern verstehen, wäre die ganze vorherige Beweisführung sinnlos. Sie hebt ja hervor, daß der Pastor dem Bischof gleich ist und daher genausogut wie dieser zum Pfarramt ordinieren kann. - Außerdem: Die Einsetzung in Hilfsämter (wie sie Walther nennt) war sowieso nicht Sache des Bischofs, und "göttlichen Rechts" erst recht nicht.

     

    Ergebnis:

    Das Lutherische Bekenntnis erwähnt nur am Rande ganz wenige Ämter neben dem einen Amt, um das es ihm geht. Die Fülle der Bezeichnungen für die Träger dieses Amtes steht doch nur für ein und dasselbe: für den Dienst der Verkündigung des Wortes Gottes, der Spendung der Sakramente und der geistlichen Leitung der Gemeinde.

    Außer diesem Gemeindehirtenamt kennt das Lutherische Bekenntnis nur noch ein Aufsichtsamt über mehrere Pastoren, das auch ihre Arbeit im Interesse der Gemeinden eines Gebietes koordiniert, und das mitwirkt bei der Amtseinsetzung eines Kandidaten. Von diesem ganzen übergemeindlichen Dienst erklärt das Bekenntnis jedoch ausdrücklich, er sei nur menschlichen Rechts. Gerade auch daraus ergibt sich demgegenüber für das Amt der seelsorgerlichen Gemeindeleitung, deren Aufgaben man zusammenfassen kann in Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung: Es ist göttlichen Rechts, also Gottes erklärter Wille, geoffenbart durch die Hl. Schrift und nicht durch direkte Geistoffenbarung. Die Sicht, daß genauso wie das Gemeindehirtenamt auch alle anderen kirchlichen Ämter - wie die des Katecheten, Vorstehers, Dozenten, Gemeindeschullehrers oder gar Küsters und kirchlichen Verwaltungsangestellten sowie der Dienst christlicher Eltern - konkrete Formen eines von Gott gestifteten "Predigtamtes in abstracto" seien, läßt sich mit Aussagen des Bekenntnisses nicht belegen, ja steht ihnen entgegen. Denn im Predigtamt stehen für die Väter des Bekenntnisses nur die Pfarrer einer Gemeinde oder Parochie. Nur für diese Amtsträger kennen sie Berufung und Ordination. Und nur von ihren Aufgaben in den Gemeinden ist die Rede, wenn ausgeführt wird, was zum Dienst im Predigtamt gehört. Auch insofern zeigt sich, daß für das Lutherische Bekenntnis Predigtamt und Pfarramt deckungsgleiche Begriffe sind. (Sonderformen, z.B. die des Missionarsamtes, das durchs Wort Gottes erst einmal Gemeinde sammelt, sollen durch diese Gleichsetzung nicht ausgeschlossen sein.)

    Grundlegend für die Amtslehre des Bekenntnisses ist die göttliche Stiftung des konkreten Predigtamtes, das als das von Christus selbst eingesetze Predigt- und Hirtenamt der Apostel (in seiner Fortsetzung) angesehen wird. Da dies aber nur von dem einen Amt ausgesagt wird, ergibt sich von selbst, daß alle anderen kirchlichen Ämter - wie an dem Beispiel des "Oberhirten Amtes" deutlich wird - menschlicher Ordnung und menschlichen Rechts sind. Eine Lehre, die diese beiden Wahrheiten durchstreicht, ist bekenntniswidrig.

    Pfarrer St. Müller - Grottewitz, am 30. 5. 2000 I H S