Von der Klarheit der Heiligen Schrift

Von der Überzeugung, daß die Heilige Schrift klar und verständlich sei

von Prof. Franz Pieper

Die Kirche muß, wenn es ihr wohlgehen, ja, wenn sie überhaupt bestehen soll, vor allen Dingen die Wahrheit festhalten, daß die Heilige Schrift Gottes Wort sei, Gottes majestätisches unfehlbares Wort, welches mit absoluter Autorität Alles richtet und von Niemand gerichtet wird. Sobald diese Wahrheit aufgegeben wird, wird der Kirche der Grund unter den Füßen fortgezogen, denn sie, die hienieden im Glauben und nicht im Schauen wandelt, ist „erbauet auf den Grund der Apostel und Propheten“ (Eph. 2, 20.), das ist, auf das unfehlbare Wort, welches Gott durch die Apostel und Propheten der Kirche gegeben hat. Wenn man der Kirche die Wahrheit nimmt, daß die Schrift Gottes Wort sei, so nimmt man der Kirche ihr Licht und Recht; dann wird die menschliche Meinung, die „wissenschaftliche“ und unwissenschaftliche, zur Quelle und Norm der christlichen Lehre gemacht, und die Lehre hört eo ipso (= von sich aus) auf, christlich zu sein. Daß die moderne Theologie, welche durch Leugnung der kirchlichen Inspirationslehre die heilige Schrift nicht mehr für Gottes unfehlbares Wort hält, noch Teile der christlichen Lehre stehen läßt, geschieht nur infolge einer Inkonsequenz. Darum ist diese Zeitschrift im letzten Jahre durch Lehre, Warnung und Mahnung vornehmlich für die Lehre von der Inspiration der heiligen Schrift eingetreten.

Im diesjährigen Vorwort möchten wir die Aufmerksamkeit noch auf einen andern Punkt richten. Soll die Kirche den rechten, gottgewollten Gebrauch von der Schrift, als dem Worte ihres Gottes, machen, so muß sie auch lebendig von der Wahrheit durchdrungen sein, daß die heilige Schrift klar sei. Die Christen müssen dafür halten, daß ihnen alle Lehren des Glaubens in der Schrift klar geoffenbart und alle Fragen, mit welchen sich die Kirche Gottes hier auf Erden zu befassen hat, in der Schrift, auch dem einfältigen Christen verständlich, entschieden seien.

Aber kaum ist der äußeren Christenheit eine Wahrheit mehr entschwunden, als die von der vollkommenen Klarheit der Schrift. Wir reden hier natürlich gar nicht von der Pabstkirche, für welche der Satz von der Dunkelheit der Schrift ein Fundamentalartikel ist. Wir sehen hier auch ab von den modernen deutschen Theologen, welche den Satz von der Deutlichkeit der Schrift „einschränken“ zu müssen glauben und die Schrift nicht den einzelnen Christen, sondern der „Kirche“ in die Hand geben wollen. Wir reden hier von der großen Masse der „evangelischen Christen“, welche in der Theorie noch die Klarheit der Schrift bekennen, aber in d er Praxis diese Eigenschaft der Schrift verleugnen. Merkwürdig! Die evangelische Christenheit ist in der Verbreitung der heiligen Schrift geschäftiger, denn je. Sie wendet alljährlich beträchtliche Summen Geldes und viel Arbeit daran, die Bibel in möglichst viel Hände und Häuser zu bringen. Aber gar wenig lebt in ihr der Glaube, daß sie mit der heiligen Schrift in jedes Haus das Buch bringt, aus welchem jeder Mensch durch Gottes Gnade klar erkennen kann, was Gott von den Menschen geglaubt und getan wissen will. Ja, sehen wir die sogenannte evangelische Christenheit recht an, so müssen wir sagen: sie gebärdet sich, als ob es keine klare Schrift gäbe. Die vor aller Welt zu Tage liegende Signatur ist: Verzweiflung an der Klarheit der Schrift!

Doch ist das nicht zu viel gesagt? Wir wollen sehen. Unsere Zeit geht fast auf in Unionsbestrebungen. Aber welcher Art sind diese? Da wollen die Einen nur einen Zusammenschluß in äußeren „christlichen Werken“, unter gänzlichem Absehen vom Glauben und von der Lehre. Als Grund für diese Art Vereinigung gibt man an: eine Einigung im Glauben sei doch nicht zu erzielen. Also vollständige Verzweiflung an der Klarheit der Schrift, die man in Worten noch als Gottes Wort preist. Andere gehen nicht ganz so weit. Sie machen zur Basis der Vereinigung einige allgemeine christliche Wahrheiten, sogenannte „Fundamentallehren“, die in Zahl und Art sich nach dem Geschmack der Beteiligten richten. Warum will man sich nicht auf dem Grunde der ganzen von Gott in der heiligen Schrift geoffenbarten Wahrheit vereinigen? Man erklärt eine solche Übereinstimmung in der ganzen Wahrheit für unmöglich, verzweifelt also in Wirklichkeit an der Klarheit der Schrift, an der Möglichkeit, genau festzustellen, was die Lehre der Schrift in allen Glaubensartikeln sei. Auf diese Meinung hin ist die unierte Kirche in Preußen und anderswo in Existenz getreten. Ferner: Spottet man nicht in der heutigen Christenheit häufig über diejenigen, welche in allen Artikeln der Lehre die Wahrheit zu haben behaupten? Redet man nicht von verschiedenen, gleichberechtigten „Richtungen“ in der Christenheit, und gilt es nicht fast allgemein als die vornehmste christliche Tugend, auch die abweichenden Ansichten anderer Kirchen zu „respektieren“ und „gelten zu lassen“. Ja, ist es nicht dahin gekommen, daß es in weiten Kreisen für einen Abfall vom „Geiste des Evangeliums“ und für einen Rückfall ins Pabsttum gilt, wenn Jemand auf die Alleinberechtigung seines Glaubens, als in allen Teilen auf die Schrift gegründet, hinweist? Woher dieses Gebaren und diese Stellung? Man glaubt nicht, daß die Kirche in der Schrift das Wort Gottes habe, welches die ganze Wahrheit den Menschen klar offenbart. Ja, es macht sich allenthalben in der Christenheit ein heidnischer Skeptizismus breit, als ob in Christo nicht das Licht der Welt erschienen sei, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Doch greifen wir auch in unsere eigene Mitte. Es kommt auch wohl unter uns vor, daß man sich wenigstens zeitweilig durch neue, mit christlichem Schein aufgeputzte, von den uns umgebenden Irrgeistern aufgebrachte Lehren aus der Fassung bringen und in Unruhe versetzen läßt, anstatt sofort in die klare Schrift zu gehen, daraus den Irrtum zu erkennen, getrost zu verwerfen und in dem klaren Wort der Schrift sicher zu beruhen. Es kommt auch noch in unseren Gemeinden vor, daß die Christen, wenn sie in der Lage sind, über Wahrheit und Irrtum urteilen zu müssen, ihrer Pflicht sich entziehen wollen mit der Bemerkung: „Das ist Sache der Pastoren und will uns einfachen Christen nicht gebühren.“ Was ist das anders als eine praktische Verleugnung der Klarheit der heiligen Schrift? Denn gerade darin besteht die Klarheit derselben, daß sie nicht etwa bloß für die Lehrer der Kirche, sondern gerade auch für die Hörer ihres Fußes Leuchte und ein Licht auf ihrem Wege ist.

Wir brauchen hier keine ausführliche Definition zu geben, was die Kirche der Reformation je und je unter der Klarheit der Schrift verstanden hat. Sie leugnet bekanntlich nicht, daß es Stellen der Schrift gebe, welche nicht nur für die einfältigen Christen, sondern auch für die Lehrer der Kirche mehr oder weniger dunkel sind. Aber dadurch wird die Schrift nicht dunkel. Denn entweder sind dies solche Stellen, welche nicht geradezu von Glaubenslehren handeln, oder aber, wenn letzteres der Fall ist, so liegen dieselben Lehren an andern, durchaus klaren Stellen geoffenbart vor. An klaren Stellen findet sich alles das, was zum Glauben und Leben gehört, sagt Chemnitz), an Stellen, zu welchen Gelehrten und Ungelehrten der Zugang offen steht, wie Augustinus sich ausdrückt. 2) Das ist keine willkürliche Annahme, wie es auf den ersten Blick scheinen möchte. Diese vollkommene Klarheit legt die heilige Schrift selbst sich bei, wenn sie für alle Christen sich gibt als ein Licht, das da scheinet in einem dunkeln Ort (2.Petr. 1,19.) und als Zeugnis des HErrn, welches die Albernen weise macht (Ps. 19, 8.), wenn sie alle Menschen die Seligkeit in ihr suchen und finden heißt (Luk. 16,29. Joh. 5, 39.) und allen Christen das Gericht über die Lehre, ob sie recht oder unrecht sei, gibt (Apg. 17,11. 1.Joh. 4,1. Matth. 7,15.2c.). Damit ist gesagt, daß die dunkeln Stellen, welche sich in der Schrift finden, die vollkommene Klarheit derselben nicht beeinträchtigen. Diese vollkommene Klarheit der Schrift in allen Artikeln der Lehre muß der Kirche wieder zum Bewußtsein kommen. „Denn das müssen alle Christen vor allen Dingen für wahr halten und wissen“ — sagt Luther –, „daß die heilige Schrift ein geistlich Licht ist, viel heller, denn die Sonne,

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1) Examen p. 57. Genev. 1668. 2) Bei Chemnitz l. c.

Ps. 119,105. 2.Petr. 1,19., sonderlich in den Sachen, die da nötig einem Christen sind zu wissen und dienlich zur Seligkeit.“ 1) „Es ist eine greuliche große Schmach und Laster wider die heilige Schrift und alle Christenheit, so man sagt, daß die heilige Schrift finster sei und nicht so klar, daß sie jedermann möge verstehen, seinen Glauben zu lehren und zu beweisen.“ 2) Ja, all die großen Fragen, welche die Kirche bewegt haben und noch bewegen, die Lehren von Gott, von der Person Christi, von Sünde und Gnade, von den Gnadenmitteln, von der Kirche, von den letzten Dingen sind in der Schrift klar und jedem einfältigen Christen verständlich entschieden. Kürzlich ging ein Bericht über folgenden Vorfall durch einige englische kirchliche Blätter: Ein Methodist, ein Anhänger der Theorie von der vollkommenen Heiligung, setzte einer Versammlung auseinander sowohl, daß er seit einiger Zeit nicht mehr sündige, als auch daß jeder Christ zu dieser Stufe der Vollkommenheit gelangen könne. Nachdem er sich des Längeren in Bezug auf dieses Thema bemüht hatte, erhob sich ein anderes Glied der Versammlung und, anstatt eine lange Gegenrede zu halten, zitierte es nur mit lauter Stimme die Worte der Schrift 1.Joh. l, 9.: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Der Irrtum war vor der ganzen Versammlung gerichtet und verurteilt, sobald das Wort Gottes auf den Plan getreten war. Gerade so sicher können aus der Schrift alle Fragen der Lehre entschieden werden, sobald Gottes klares Wort in den umstrittenen Punkten auf den Plan gebracht wird.

Nehmen wir einige Beispiele aus der Gegenwart. In Deutschland hat man gerade in jüngster Zeit die Lehre von der Inspiration der heiligen Schrift angegriffen, die Lehre, daß die heilige Schrift im eigentlichen Sinne Gottes Wort sei, indem Gott der Heilige Geist den heiligen Schreibern eingab, was und wie sie reden sollten, und daß somit die heilige Schrift die absolute Wahrheit und frei von jeglichem Irrtum sei. Man hat dagegen behauptet, daß die heilige Schrift nicht Gottes Wort selbst sei, sondern nur eine unter einer gewissen Einwirkung des Heiligen Geistes von Menschen verfaßte Urkunde der Offenbarung, daß die heiligen Schreiber nicht etwa nur schrieben, was der Heilige Geist ihnen eingab, sondern auch Raum hatten, ihre eigenen irrtümlichen Gedanken auszusprechen und ihre eigenen unzutreffenden Worte zu gebrauchen, daß somit die Schrift nicht die unfehlbare Wahrheit sei, sondern auch Irrtümer enthalte, die mit Hilfe des „Ganzen der Schrift“ von den Menschen zu erkennen und abzusondern seien. Zaghaftere Seelen haben die Frage von der Inspiration und der vollkommenen Irrtumslosigkeit der Schrift dann wenigstens zu einer noch „offenen“ machen wollen, die auch nicht so schnell zu entscheiden sei. Aber die Frage wird sofort „geschlossen“, alle

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1) Walch XVIII, 2157. 2) Walch V, 456.

Zweifel verschwinden, wie der Nebel vor der Sonne, sobald man das Zeugnis der klaren Schrift, das sie von sich selbst ablegt, hört. Das Wort der Schrift nennt sie schlichtweg das Wort des Heiligen Geistes, Hebr. 3, 7. Apg. 28, 25. Sie sagt (2.Petr. 1,2l.) gerade in Bezug auf die Schrift des Alten Testaments (V. 20.): „Die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist.“ Von der Schrift Alten Testaments, wie sie uns in Wörtern geschrieben vorliegt, sagt sie (2.Tim. 3,16.): „Alle Schrift von Gott eingegeben“ 2c. Diese Schrift „kann nicht gebrochen werden“ (Joh. 10, 3.5.), ist unverbrüchliche Wahrheit, gerade auch in Bezug auf ein paar einzelne Worte und scheinbar nebensächliche Bemerkungen, wie Ps. 82,6.: „ihr seid Götter“ (Joh. 10,34.). In dieser Schrift soll man suchen und forschen, aber kein Mensch soll sich unterstehen, sie zu untersuchen, sich als Kritiker über die Schrift stellen und angeblich Irrtümliches davon aussondern wollen, sondern sie in jedem Wort stehen lassen, sie hören und ihr glauben, „denn ich sage euch, wahrlich, bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Tüttel vom Gesetz“, Matth, 5, l8.; „Sie haben Mose und die Propheten, laß sie dieselbigen hören“, Luk. 16,29.; „Und so Jemand davon tut von den Worten des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott abtun sein Teil vom Buch des Lebens, und von der heiligen Stadt, und von dem, das in diesem Buch geschrieben steht“, Offenb. 22,19. Wahrlich, Schuld der Schrift ist es nicht, wenn irgend ein Mensch im Zweifel bleibt, was er von der Schrift zu halten habe, ob sie Gottes unfehlbares Wort sei oder ob auch fehlbare Menschenmeinung sich in ihr finde.

Nehmen wir ein anderes Beispiel aus der Gegenwart. Im Streit war die Lehre von der Bekehrung eines Menschen zu Gott. Die Schrift nennt den Menschen „tot in Sünden“ und beschreibt seine Bekehrung als eine Auferweckung vom geistlichen Tode, Eph. 2,5.: „Da wir tot waren in den Sünden, hat er uns samt Christo lebendig gemacht.“ Die Schrift spricht dem natürlichen Menschen nicht nur jegliche Fähigkeit ab, in geistlichen Dingen etwas zu verstehen, zu wollen und zu wirken: „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch“, Joh. 3,6.; „der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes, es ist ihm eine Torheit und kann es nicht erkennen“, l.Kor. 2,14., sondern beschreibt auch die natürliche Art des Menschen als eine solche, nach welcher derselbe Gott nur widerstrebt: „Fleischlich gesinnet sein ist eine Feindschaft wider Gott“, Röm. 8,7. Der Glaube an Christum, durch dessen Entstehung die Bekehrung geschieht (Kol. 2, l2.), ist nach der Schrift eine Gabe Gottes um Christi willen: „Euch ist gegeben um Christi willen . . . daß ihr . . . an ihn glaubet“, Phil. 1, 29., eine Wirkung der allmächtigen Kraft Gottes: „Die wir glauben nach der Wirkung seiner mächtigen Stärke, welche er gewirket hat in Christo, da er ihn von den Toten auferwecket hat und gesetzt zu seiner Rechten im Himmel“, Eph. 1,19.20. Kol. 2,12. Wie ist da gegen allen Irrtum entschieden von Pelagius bis auf unsere Zeit!

Wie sind, sobald diese klaren Schriftworte hervorgezogen werden, alle Irrlehrer widerlegt, mögen sie den Menschen viel oder wenig zu seiner Bekehrung mitwirken lassen; mögen sie dem Menschen das Tun von etwas Gutem oder die Unterlassung von etwas Bösem zuschreiben, wodurch der Mensch die Bekehrung sich zuziehen könne; mögen sie von einer Selbstentscheidung auf Grund einer wiederhergestellten Wahlfreiheit, oder sonstwie reden, wodurch sie der menschlichen Vernunft die Bekehrung eines Menschen vor dem anderen erklären wollen — aller Irrtum ist zu Boden gestürzt, liegt bloß und aufgedeckt vor Aller Augen durch die klare Schrift: „tot in Sünden“, „Feindschaft wider Gott“, „auferstanden durch den Glauben, den Gott wirket“, „gegeben um Christus willen“.

Im Streit war die Lehre von der ewigen Erwählung der Kinder Gottes. Diese Lehre involviert vor andern große Geheimnisse. Aber es braucht Niemand im Zweifel zu bleiben, was Gott in Bezug auf diese Lehre von uns geglaubt haben will, und die Punkte, welche im letzten Streit in Frage kamen, sind in der Schrift klar entschieden. Es handelte sich um das Verhältnis des Glaubens und überhaupt des Christenstandes der Kinder Gottes zu ihrer ewigen Erwählung. Sollen die Christen dafür halten, daß ihr Glaube und ihre Erhaltung im Glauben, überhaupt ihr ganzer Gnadenstand und die Beharrung in demselben, eine Folge ihrer ewigen Erwählung sei, oder sollen sie das Gegenteil glauben, nämlich, daß ihre ewige Erwählung eine Folge ihres Glaubens und ihrer Beharrung im Glauben sei, so daß die Erwählung in Ansehung des Glaubens oder ihres guten Verhaltens geschehen wäre? Die Schrift sagt von letzterem kein Wort, sondern lehrt klar an allen Stellen, welche vom Verhältnis des Glaubens und des Christenstandes in der Zeit zur ewigen Erwählung handeln, die Christen, daß der ganze geistliche Segen, welcher ihnen zu Teil wird, Berufung, Glaube, Rechtfertigung, Heiligung, Beharrung im Glauben usw. eine Folge und Wirkung ihrer ewigen Erwählung in Christo sei. Hier ist Gottes Wort Apg. 13,48.: „Und wurden gläubig“ (von den das Wort hörenden Heiden), „wieviel ihrer zum ewigen Leben verordnet waren“. Eph. 1,3.: „Gelobet sei Gott und der Vater unsers HErrn JEsu Christi, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christum. Wie er uns denn er wählet hat durch denselbigen, ehe der Welt Grund geleget war, daß wir sollten sein heilig und unsträflich vor ihm in der Liebe. Und hat uns verordnet zur Kindschaft gegen ihm selbst durch JEsum Christ, nach dem Wohlgefallen seines Willens. Zu Lobe seiner herrlichen Gnade.“ 2.Tim. 1,9.: „(Gott) hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Vorsatz und Gnade, die uns ge geben ist in Christo JEsu vor der Zeit der Welt.“ Röm. 8,28.: „Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, die nach dem Vorsatz berufen sind. Denn welche er zuvor versehen hat, die hat er auch verordnet, daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes. . . Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen, welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht, welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht.“ Ferner: Sollen die Christen ihrer ewigen Erwählung im Glauben ganz gewiß sein, oder ist es Gottes Wille, daß sie darüber im Zweifel bleiben, ob sie Erwählte seien? Nach der Schrift ist Ersteres so selbstverständlich, daß die Christen ohne Weiteres als „Auserwählte“ angeredet werden (Kol. 3,12.), ohne Weiteres aufgefordert werden, Gott für ihre ewige Erwählung zu danken (2 Thess. 2,13.), ohne Weiteres mit ihrer ewigen Erwählung in Trübsal und Anfechtung getröstet werden (Röm. 8, 28-39.).

Was darum der Christenheit not ist, ist dies, daß sie wieder ein rechtes Zutrauen zur Schrift fasse, daß sie sich bewußt werde, sie habe in der Schrift das klare Wort Gottes, in das man nur hineinzuschauen braucht, um der Lehre, die Gott von uns geglaubt haben will, gewiß zu werden, und das man nur zu setzen und auf den Plan zu bringen braucht, um allen Irrtum zu erkennen. Die Christenheit muß von dem Worte Gottes, wie es in der Schrift ihr vertrauet ist, mit vollkommener Überzeugung halten:

Es ist vollkommen hell und klar,
Die Richtschnur reiner Lehre.
Es zeigt uns auch ganz offenbar
Gott, seinen Dienst und Ehre.

Mit einer solchen lebendigen Überzeugung von der Klarheit der Schrift schwinden alle falschen Unionsversuche, die nicht Einheit in der Lehre, sondern nur eine Uniformierung in äußeren Dingen und allgemeinen christlichen „Grundanschauungen“ erstreben. Bei einer lebendigen Überzeugung von der Klarheit der Schrift schwindet das seichte Gerede von verschiedenen, gleich berechtigten Richtungen in der Kirche, schwindet das Gott mißfällige Schweigen dem Irrtum gegenüber und das „Tragen“ desselben, sondern tritt man im Gegenteil dem Irrtum frisch und getrost entgegen und hindert so die Verbreitung desselben. Ja, durch die lebendige Überzeugung von der Klarheit der Schrift wäre zu einer rechten Vereinigung bisher getrennter kirchlicher Gemeinschaften die rechte Vorbedingung vorhanden. Eine Versammlung von Christen, in welcher die Wahrheiten lebten: 1. Die heilige Schrift ist Gottes unfehlbares Wort. 2. Allein aus Gottes Wort sind die Lehren des Glaubens zu entnehmen und allein nach demselben zu beurteilen. 3. Dieses Wort Gottes ist vollkommen klar — eine solche Versammlung würde durch Gottes Gnade bald eine Union in der ganzen Wahrheit schließen können. F. P.

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„Lehre und Wehre“ Nr. 33, 1887