Thesen zum Verhältnis und die Stellung der evangelisch-lutherischen Kirche zu den übrigen Kirchengemeinschaften

I. Die evangelisch-lutherische Kirche ist nicht die »eine, heilige, christliche Kirche«, die wir im dritten Artikel bekennen und außer welcher kein Heil und keine Seligkeit zu finden ist.

II. Die evangelisch-lutherische Kirche bekennt sich aber zu der »einen heiligen, christlichen Kirche«, weil sie zu derselben gehört und sich nie von ihr getrennt hat.

III. Dass die lutherische Kirche zu der »einen heiligen, christlichen Kirche« wirklich gehört, erkennen wir daran, dass sie Gottes Wort lauter und rein lehrt und die Sakramente nach Christi Einsetzung unverfälscht verwaltet.

IV. Weil also die evangelisch-lutherische Kirche in der innigsten Gemeinschaft steht mit der »einen heiligen, christlichen Kirche«, so ist sie eine Kirchengemeinschaft, d. h. eine Gemeinschaft sichtbarer Menschen, in deren Mitte sich die »eine heilige, christliche Kirche, die Gemeinde der Gläubigen«, gewiss findet.

V. Die »Gemeinde der Heiligen« oder die »eine heilige, christliche Kirche« findet sich aber nicht bloß in der lutherischen Kirche, sondern auch außerhalb derselben, wo immer noch das Wort Gottes wesentlich vorhanden ist, die Grundwahrheiten des Evangeliums noch gepredigt und die Sakramente, zum wenigsten das Sakrament der heiligen Taufe, der Einsetzung Christi gemäß verwaltet werden.   

VI. Solche Gemeinschaften heißen um deswillen ebenfalls Kirchengemeinschaften; sie unterscheiden sich aber von der lutherischen Kirchengemeinschaft dadurch, dass sie nicht in allen Stücken bei dem Worte bleiben und also dasselbe nur teilweise, d. h. in einzelnen Stücken rein bewahren, während die lutherische Kirche durch Gottes Gnade sein Wort in allen Lehren der heiligen Schrift rein und lauter bewahrt hat, wie dies ihre Bekenntnisse beweisen. 

VII. Die lutherische Kirche ist daher die wahre sichtbare Kirche Gottes auf Erden, d. h. eine Kirchengemeinschaft, welche die von Gott gewollte äußere Gestalt der Kirche, nämlich die Rechtgläubigkeit derselben an sich trägt.   

VIII. Alle übrigen Kirchengemeinschaften sind irrgläubige, welche, obwohl unter Gottes Zulassung, doch nicht durch seinen Willen, sondern durch die List und durch den Betrug des bösen Feindes entstanden sind und noch entstehen.   

IX. Die lutherische Kirche hält sich um deswillen von allen andern Kirchengemeinschaften abgesondert und kann in keinerlei Weise kirchliche Gemeinschaft mit ihnen pflegen.

X. Dies geschieht aber nicht aus Hochmut oder Lieblosigkeit, sondern im Gegenteil aus Demut und Gehorsam gegen Gottes Wort, aus Furcht vor Gottes Zorn und Strafe und aus Liebe zu den Kindern Gottes, welche sich auch in den falschgläubigen Kirchengemeinschaften noch finden.

XI. Eben um deswillen lässt es die lutherische Kirche bei der bloßen Absonderung nicht bewenden, sondern sie legt auch öffentlich und besonders in ihren Bekenntnissen und Privatschriften Zeugnis ab gegen die Irrtümer und verwirft dieselben entschieden, um durch solches Zeugnis die aus Unwissenheit Irrenden und Irregeleiteten zu überzeugen und zu bekehren von dem Irrtum ihres Weges.

XII. Während alle übrigen Kirchengemeinschaften, namentlich die unirten, wenig oder nichts auf die Lehre geben, hält die lutherische Kirche mit ganzem Ernst und in erster Linie auf dieselbe und übt um deswillen auch in ihrer eigenen Mitte die in Gottes Wort geforderte Kirchenzucht.

XIII. Wo es in einer sich lutherisch nennenden und lutherisch sein wollenden Kirchen- oder Synodalgemeinschaft an diesem Ernst in Bezug auf die Lehre mangelt, wo man die Bekenntnisse der lutherischen Kirche wohl im allgemeinen annimmt, aber nicht in allen einzelnen Teilen zur vollen Geltung bringen will, da ist eine solche Kirchengemeinschaft keine wahrhaft lutherische, sei es, dass sie es noch nie gewesen ist oder sich im Abfallen davon befindet.

XIV. In solchem Fall ist ein jeder wahre Christ in ihr, dem seine Seligkeit am Herzen liegt und der sich nicht fremder Sünde teilhaftig machen, noch in das Abfallen mit hineinziehen lassen will, nach Gottes Wort verpflichtet, Zeugnis für die Wahrheit abzulegen, zunächst mit dem Munde und, wo das nicht hilft, durch die Tat, d. h. durch das Verlassen einer solchen Kirchengemeinschaft, durch den Austritt aus derselben.

XV. Gehört eine Synode, oder Gemeinde, oder ein einzelner Christ zu der wahren rechtgläubigen lutherischen Kirche, so ist ihr oder ihm dadurch eine unaussprechliche Gnade widerfahren, deren Verlust durch Abfallen bei dem Einzelnen eine schreckliche Sünde in sich schließt, für welche er Buße tun muss, wenn er selig werden will.

[nach den Thesen der australischen lutherischen Zweigsynode von Victoria]
in »Lehre und Wehre« Jahrgang 36 (Juni 1890) Seite 207 und 208
Digitalisiert von Herrn Ron Lah, Lafayette, Indiana USA