Sündenerkenntnis/ Kirche Gottes

(Lehre und Wehre Jahrgang 33, Oktober, 1887)

Zwei Einleitungsreden des seligen Professor Dr. C.F.W. Walther bei Abendvorlesungen.

(Nachgeschrieben und eingesandt von Professor GW Müller, Milwaukee, Wisconsin.)

1. Rede (Bei Gott in Gnaden sein)

So lange, meine Freunde, ein Mensch sich noch in seinem natürlichen Zustande befindet, so lange er nämlich noch in seinem natürlichen geistlichen Tod liegt, so lange er noch nicht erkannt hat, welch eine sündhafte Creatur er ist, wie tief verderbt sein Herz und daß er im Grunde seiner Natur ein Feind Gottes und seines heiligen Gesetzes ist, so lange ein Mensch noch nicht erfahren hat, welch ein erschreckliches Ding die Sünde ist und wie groß der Zorn Gottes gegen eine jede derselben: so lange macht ihm auch das keine sonderliche Noth, daß er nicht gewiß ist, ob er bei Gott in Gnaden steht und auf dem Wege zur Seligkeit sich befindet. Ein solcher Mensch begnügt sich dann damit, daß er es wenigstens vermuthet, oder daß er es für selbstverständlich achtet, er stehe bei Gott in Gnaden und sei auf dem Wege zum Himmel. Er denkt: Was thue ich denn sonderlich Böses? Warum sollte ich also nicht in den Himmel kommen? Allerdings habe ich meine Schwächen, wie alle Menschen; aber wozu wäre denn Christus in die Welt gekommen, wenn ich um derselben willen verloren gehen sollte? So achtet denn ein solcher Mensch es auch gar nicht für nöthig, sich wegen des Seligwerdens und der Gnade Gottes abzusorgen. Im Gegentheil, er geht dem furchtbaren Abgrund einer dunklen Ewigkeit getrost entgegen. Wenn aber ein Mensch einmal vom göttlichen Wort, wie von einem Blitzstrahl aus der Hand des heiligen Gottes, getroffen wird, wenn das göttliche Gesetz einmal tief hineinleuchtet in die finstere kalte Kammer seines Herzens und wenn er nun deutlich sieht, was es heißt, ein Sünder sein dem heiligen Gott gegenüber, dann gibt es nichts Erschrecklicheres für ihn, als nicht wissen, ob er bei Gott in Gnaden stehe, ob er auf dem Weg zur Seligkeit sei.

Ein merkwürdiges Beispiel hierzu ist unser lieber Luther. Obwohl er von Jugend auf ein ganz ehrbares Leben führte, so wurde ihm doch sehr bald durch die Wirkung des Heiligen Geistes offenbar, daß er mit seiner natürlichen Gerechtigkeit vor Gott nicht bestehen könne, daß er bei all seiner Ehrbarkeit doch ein großer Sünder, daß sein Herz tief verderbt, daß er im Grunde des Herzens ein Feind Gottes und darum ein Kind der Verdammniß sei. Dieses Bewußtsein, dies Gefühl begleitete ihn überall, beunruhigte, ängstigte, quälte, peinigte ihn Tag und Nacht und trieb ihn endlich ins Kloster. Mochte er aber hier noch so viel beten und kämpfen und ringen und fasten und sich kasteien und ganze lange kalte Nächte fröstelnd durchwachen, – – nein, in allen diesen seinen eigenen Werken fand er den Frieden und die Ruhe der Seele nicht. So versuchte er denn dies: Er schloß sich einmal in seiner Zelle auf mehrere Tage ein, mit der Absicht, seine Zelle nicht eher zu verlassen, als bis er der Gnade Gottes endlich versichert werde. Es vergingen Tage, Luther erschien nicht. Seinen Mitmönchen wurde bange, sie brachen die Thür der Zelle auf und was erblickten sie? Da lag Luther ohnmächtig auf seinem Angesicht am Boden. Die Verzweiflung hatte ihn ergriffen. O, wie erschrecklich ist es doch, wenn ein Mensch einmal aus seinem natürlichen Sündenschlaf aufwacht und dann nicht weiß, wo Hülfe ist! Darum ist aber auch die Hauptprobe einer Kirche und Religion diese, daß sie dem armen Sünder den Weg zeigt zu völliger Gewißheit der Gnade Gottes und seiner Seligkeit. Und, Gott Lob! meine Brüder, auch diese Hauptprobe besteht unsere theure evangelisch – lutherische Kirche. Ist doch Luther allein dadurch von Gott zum Reformator ausgerüstet worden, daß er erst in jener Hölle der Angst über seine Sünden steckte und daß ihm endlich plötzlich nach vielem Seufzen, Beten und Ringen und Weinen die selige Lehre von der Rechtfertigung eines armen Sünders vor Gott allein aus Gnaden durch den Glauben an JEsum Christum wie eine Sonne aufging! Da, sagt er, sei es ihm denn gewesen, als ob das Paradies alle seine Pforten vor ihm geöffnet hätte. Da fühlte er sich plötzlich wirklich neugeboren. Jetzt war er der Gnade Gottes versichert, jetzt war er seiner Seligkeit gewiß und in diesem Jubel über Gottes Gnade in Christo JEsu ist er trotz mancher Anfechtung geblieben bis zum letzten Hauch seines Lebens. Er hat es für seine hohe Aufgabe erkannt, den armen Sündern zu bezeugen: wollt ihr der Gnade Gottes gewiß werden, wollt ihr versichert werden, welcher Weg zum Himmel führt, – – ich weiß einen Weg: das ist die selige Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben. Wohlan, lassen Sie uns jetzt noch zum Schluß unserer Freitagabend – Betrachtungen über diesen Gegenstand hören, wie sich die lutherische Kirche von der calvinisch – reformirten in dieser Beziehung unterscheidet.

(St Louis, den 2 November, 1877).

2. Rede (Die wahre Kirche Gottes auf Erden)

Religion ist die Lehre vom Verhältniß des Menschen zu Gott. Darin unterscheidet sie sich von allen anderen Lehren. Sie zeigt nämlich, wie ein Mensch gottgefällig wird, zu Gott kommen und somit die Seligkeit erlangen könne. Und da nun eine jede Kirche sich zu einer bestimmten Religion bekennt, so ist also auch eine jede Kirche eine Gemeinschaft von Menschen, welche eine bestimmte Lehre haben vom Wege zu Gott oder zur Seligkeit. Läßt nun irgend eine Kirche einen Menschen ungewiß über sein Verhältniß zu Gott, so ist sie nicht die rechte Kirche, sondern außer allem Zweifel eine verderbte und falsche Kirche. Diejenige Kirche aber, welche den Menschen seines Gnadenstandes, der Vergebung seiner Sünden und seiner Seligkeit gewiß macht, die ist außer allem Zweifel die rechte wahre Kirche JEsu Christi auf Erden.

Christus ist ja nicht darum in die Welt gekommen, um etwa als ein Religionslehrer aufzutreten, der den Menschen zeige, was sie selbst thun müßten, um in den Himmel zu kommen, sondern um der Menschen Seligmacher zu sein. Sobald Christus in die Welt gekommen war, da sandte Gott vom Himmel herab einen Boten, der mußte die Botschaft bringen: „Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren.““ Christus ist also darum in die Welt gekommen, um der ganzen Welt eine Freude zu machen und zwar eine große, überschwänglich große Freude, nämlich um ihr Heiland und Seligmacher zu sein. Daher spricht denn auch Christus selbst ausdrücklich: „Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde.“ . Und der heilige Apostel Paulus triumphirt und jubilirt in seinem 1 Brief an Timotheum in 1 Kapitel: „Das ist je gewißlich wahr und ein theuer werthes Wort, daß Christus JEsus ist kommen in die Welt, die Sünder selig zu machen.“

Wozu aber JEsus Christus in die Welt gekommen ist, dazu und allein dazu hat er ohne allen Zweifel auch seine Kirche gegründet. Bei der Frage, welches ist also die wahre Kirche JEsu Christi auf Erden, kommt alles darauf an, welche Kirche macht durch ihre Lehre ihre Glieder ihres Gnadenstandes und ihrer Seligkeit gewiß. Das ist die eigentliche Probe der wahren Kirche. Denn, wie gesagt, macht eine Kirche ihre Glieder durch ihre Lehre ihres Gnadenstandes und ihrer Seligkeit ungewiß oder läßt sie dieselben doch ohne Gewißheit, so ist sie eine falsche Kirche, eine Apotheke ohne Arznei, eine Speisekammer ohne Brod, ein Brunnen ohne Wasser, ein Leuchter ohne Licht. Aber wenn eine Kirche ihre Glieder ihres Gnadenstandes, der Vergebung der Sünden und der Seligkeit gewiß macht, das ist eine rechte Kirche und sie allein.

Gott Lob! eine solche Kirche ist unsere theure! liebe evangelisch – lutherische Kirche. Was von der apostolischen Kirche berichtet wird, daß die Gläubigen täglich zusammenkamen und mit Freuden den Herrn lobten, das hat sich einst wiederholt, als Luther nach schrecklicher Zeit unter dem Reich des Antichrists mit dem reinen Evangelio von Christo auftrat. Da war es nicht anders, als ob große Ströme himmlischer Freude sich ergössen über Tausende und aber Tausende, ja, über Hunderttausende. Da war es nicht anders, als ob nach langer, finsterer, kalter Winternacht die warme Frühlingssonne wieder aufging und die dürren Herzen der verschmachtenden Christenheit wieder erquickte und grünend und blühend machte. Und warum? Deswegen allein, meine Freunde, weil durch das Evangelium von Christo die armen, im Pabstthum von Zweifeln an ihrem Gnadenstand gequälten und gemarterten Seelen nun ihres Gnadenstandes und ihrer Seligkeit fröhlich und göttlich gewiß wurden.

Das ist der Hauptcharakter eines wahren Lutheraners, daß er diese Gewißheit in seinem Herzen trägt. Hingegen aber ist es ein sicheres Zeichen, daß er noch kein wahrer Lutheraner ist, wenn er seines Gnadenstandes noch nicht gewiß ist und, so zu sagen, noch zwischen Himmel und Erde schwebt. Lesen Sie unter anderem die Hauptlieder unserer lutherischen Kirche – – in Liedern thut sich ja ganz besonders das Herz auf – -, so werden Sie dies bestätigt finden, während die nicht lutherischen Lieder zumeist nichts aussprechen, als ein Klagen und Bitten um Gnade und eine Sehnsucht nach der Seligkeit, die weit, weit von dem Betenden ist.

Da Sie nun aber, meine theuren Freunde, Prediger und Deiner der evangelisch – lutherischen Kirche werden wollen, o, so ist es vor allen Dingen nöthig, daß Sie von diesem Charakter der evangelisch – lutherischen Kirche bebendig überzeugt werden. Denn nur dann werden Sie nicht nur das lutherische Predigtamt recht verwalten, sondern Sie werden dann auch mit aller Freudigkeit und mit getrostem Herzen für die evangelisch – lutherische Kirche kämpfen und einstehen, weil Sie dann wissen, Sie kämpfen nicht für eine Partei, der Sie sich angeschlossen haben, sondern für die wahre Kirche JEsu Christi auf Erden und für das Heil und die Seligkeit verlorener Sünder.

Aber wodurch bewirkt denn unsere Kirche dies alles? Dadurch, daß sie den armen Sünder lehrt, sein Heil nicht gründen auf sich selbst, auf sein Thun und Lassen, auf seine guten Werke, auf seine Bekehrung und Buße, nicht auf seine Besserung uns sein neues Herz, selbst nicht auf seine Glaubensfreudigkeit und seine Glaubensstärke, selbst nicht auf sein Gefühl, sondern allein auf das, was Gott für den Menschen gethan hat, und auf die Gnadenmittel, durch welche nun Gott alles, was er für uns gethan hat, darreicht, schenkt, bekräftigt, bestärkt und versiegelt.

Daß unsere lutherische Kirche den Gnadenstand nicht auf das Gefühl gründet, das wird nun in den Zeugnissen uns bezeugt, auf welche wir in der heutigen Abendstunde kommen werden.

(St Louis, den 21 September, 1877).