Siehe, um Trost war mir sehr bange…

Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, daß sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünde hinter dich zurück. Jesaja 38,17

> Auslegung <

Vorhin hatten wir in der Epistel gehört: „Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph. 4,22-24).

Solche Ermahnungen und Ermunterungen an uns Kinder Gottes zu heiligem Leben finden wir viele in der Heiligen Schrift. Sie sind zusammengefasst in diesem Wort: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens“ (1.Tim. 6,12). Dieser Kampf ist sehr hart, weil der Teufel mit List und Macht sucht, dass wir die heiligen Gebote Gottes übertreten – in unserem Denken und Handeln, aber auch durch unsere Worte.

Darum mahnt Gott: „Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören“ (Eph. 4,29). Denn die Dinge, die der Teufel uns anbietet nennt Gottes Wort „trügerische Begierden“, weil sie nicht halten, was sie versprechen. Wenn wir in sie hineingetappt sind wie in eine Falle, dann brennen sie und stechen in Herz und Gewissen. Er sagt: Damit hast du Spaß und davon wirst du glücklich!

Aber das Gegenteil ist wahr! Danach malt uns der Satan vor Augen, wie schrecklich Sünde ist und wie sie den Zorn Gottes über uns bringt. Erst Versuchungen, dann Anfechtungen – ungewiss machen will uns der Feind, Gottes Liebe und Gnade aus unserem Blickfeld rücken: Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass eben dieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen“ (1.Petr. 5,8.9).

Darum ist die Sorge um die Sünde die wichtigste im Christenleben: Dass wir nicht auf sie hereinfallen, und wenn, wie wir sie wieder loskriegen. Dies wird auch im Evangelium deutlich, wo Männer ihren gelähmten Freund zu Jesus bringen und er als erstes zu ihm sagt: „Sei getrost, mein Sohn; deine Sünden sind dir vergeben“ (Matth. 9,2). Aus Jesu Reaktion wird klar: Sein größtes Anliegen, seine vordringlichste Bittewar die um Vergebung der Sünden. Er wollte zuerst Frieden im Herzen und die Gewissheit der Gnade Gottes – und das wusste Jesus, der ins Herz sieht und sicherte ihm darum zuerst und vor allem Vergebung der Sünden zu.

So ist das bei uns Gläubigen und Kindern Gottes, wenn wir uns fragen: Was ist das Allerwichtigste? Karriere? Gesundheit? Genug Geld? Nein! Frieden mit Gott! Vergebung der Sünden! Die Gewissheit, bei Gott in Gnaden zu sein und einmal selig zu werden.

Dies kommt auch in unserem Vers zum Ausdruck: „Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünde hinter dich zurück.“ Der König Hiskia sprach einst diese Worte, als er von einer tödlichen Krankheit genesen war; da sagt er, war ihm um Trost sehr bange“.

Ein Christ ahnt, was dieser Mann empfand. An Hiskia zeigt der HERR uns, wo allein Rat in solcher Not und Hilfe aus dieser Angst zu finden sind. Hiskia lag sterbenskrank, sein Ende schien nahe zu sein. Der Prophet Jesaja sprach zu ihm: „So spricht der HERR: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht lebendig bleiben“ (Jes. 38,1). Nun überschaute Hiskia sein Leben. Zwar waren ihm keine groben Verfehlungen bewusst (Jes. 38,3), aber dennoch wurde sein Herz sehr verzagt und sehnte sich nach dem Trost der Gnade Gottes. Überdenkst du dein Leben, so kommt dir vielleicht so manches Böse in den Sinn, aber du weißt auch, dass wir uns vor Gott aller Sünden schuldig geben müssen und sprechen: „Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die verborgenen Sünden!“ (Ps. 19,13). So war es auch bei Hiskia.Er war zwar nicht in die Fußstapfen seines gottlosen Vaters Ahas getreten und hatte nicht den Götzen gedient. Vielmehr hatte er im Land wieder den rechten Gottesdienst aufgerichtet und die Verkündigung des Wortes Gottes gefördert.

Dennoch wusste er nur zu gut, wie stark in seinem Herzen die Sünde aufbegehrt und schon in vielen bösen Gedanken, Worten und Taten zum Ausbruch gelangt war – wie der HERR Christus spricht: „Aus dem Herzen kommen arge Gedanken: Mord, Ehebruch, Hurerei, Diebstahl, falsche Zeugnisse, Lästerung“ (Matth.15,19). Alles, was er nach Gottes Willen in seinem Leben verrichtet hatte, das hatte er allein aus Gottes Kraft heraus getan – damit war er nicht gerechtfertigt, es war nicht sein Werk. Würde Gott ihn nun um seiner unzähligen Sünden willen verdammen, so wäre das gerecht, das wusste Hiskia, wie geschrieben steht: Der HERR ist „gerecht, wir aber müssen uns schämen“ (Dan. 9,7). Dies alles: sein Zittern und Zagen vor dem Tod und der darauf folgenden Verantwortung vor dem höchsten Richter, die Angst seiner Seele, die Anfechtungen des Teufels – all das fasst er in die Worte: „Um Trost ist mir sehr bange!“

Was Hiskia damals erlebt hat, erfahren Kinder Gottes auch heute noch. Auch ihnen ist oft „um Trost sehr bange“. Zwar haben sie einen neuen Geist, ein neues Herz, doch auch in ihnen findet sich der alte Adam, der alte Mensch, der gegen Gott und alles Heilige und Gute aufbegehrt. Die Sünde klebt ihnen an und macht sie träge, Gott über alle Dinge zu lieben, sein Wort gerne zu hören und zu lernen, und den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Sie sündigen noch viel in ihren Gedanken, mit Worten und auch in ihrem Handeln.

In dem allen wissen sie aus Gottes Wort sehr genau, was für eine schreckliche Beleidigung des heiligen Gottes auch nur die kleinste Sünde ist! – und wie dadurch Gottes Ungnade, Zorn, der Tod und ewiges Verderben über alle Menschen kam. Besonders stark empfinden sie ihre Unwürdigkeit, wenn sie -wie Hiskia- von schweren Schicksalsschlägen, von Krankheit, Schmerz oder Kummer heimgesucht werden. Das Kreuz der Leiden drückt – sei es Leiden in der häuslichen Verantwortung, in die der Christ von Gott gestellt ist, Leid in Ehe und Familie oder auch im Dienst an der Gemeinde: Plötzlich sind die Worte Hiskias ihre eigenen: „Um Trost ist mir sehr bange!“

Da seufzen Kinder Gottes mit David: „Meine Sünden gehen über mein Haupt, wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden“ (Ps. 38,5). Oder bekennen mit dem Dichter: „Wo soll ich fliehen hin, weil ich beschweret bin mit viel und großen Sünden? Wo kann ich Rettung finden? Wenn alle Welt herkäme, mein Angst sie nicht wegnähme.“ Armselig, unvollkommen, zwar mit dem Willen, das Gute zu tun, aber mit dem Unvermögen, es auszuführen, steht der Christ vor Gott!

Doch wenn ein Christ auch oft zittert und zagt, so verzagt er doch nicht! Wenn ihm um Trost auch sehr bange ist, so ist er doch nicht ohne Trost. Dafür sorgt unser treuer, gnädiger, barmherziger Heiland in seiner nimmermüden Liebe für alle Sünder. Er ruft allen bange seufzenden Herzen zu: „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet!“ (Jes. 49,16) und es ist dann wie damals bei den Aposteln: „Da kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen“ (Joh. 20,19.20).

Ja, in seine Hände hat er uns gezeichnet: Sie sind durchbohrt für deine und meine Schuld, für unser Versagen, für unsere Sünden als Kinder, als Männer und Frauen, für Sünden, die wir gegenüber unseren Eltern auf uns gehäuft haben, für Sünden, die wir als Eltern und Erzieher an unseren Kindern verübt haben, ja über alle und jede Schuld, spricht der gnädige Heiland: „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet!“.

Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden“ (Jes. 1,18). Er kennt auch dein Herz bis auf den Grund, kennt deine Gedanken, deine Sehnsucht, deine Befürchtungen. Er versichert dir: „Ich bin der HERR, dein Arzt“ (2.Mose 15,26), dein Arzt für Leib und Seele. Er kann und will dir helfen – zur rechten Zeit, auf seine Weise! So hat es auch Hiskia erfahren, der auf die Zeit seiner Bedrückung zurückschaut und sagt: „Ich winselte wie ein Kranich und wie eine Schwalbe und gurrte wie eine Taube; meine Augen wollten mir brechen: HERR, ich leide Not; lindre mir`s!… Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe…“ (V.14.17a)

Die Seele seufzt unter der Last erkannter Schuld. Sie verdirbt und verkümmert, wo der Mensch nicht gewiss sein kann, dass sie vergeben ist. (Siehe auch „Heilsgewissheit“)

Als der große König vor seinem Gott winselte und schluchzte, da kam sein lieber Heiland zu ihm und nahm sich seiner an. Er hatte ihn sinken, aber nicht ertrinken lassen in all der Not der Seele! Er ließ sein ihn nicht verderben, ließ ihn nicht in Beklemmung und Enge wie es im Psalm heißt: „Er führte mich hinaus ins Weite, er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir“ (Ps. 18,20).

Das ist Gottes Langmut mit uns, das ist seine Gnade, Barmherzigkeit und sein Erbarmen, dass er „Lust hat“ zu Sündern, dass er sie nicht lässt, sondern zu sich ruft: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Matth. 11,28). Mit Lust und Freude, verlorene Sünder selig zu machen, kam der Sohn Gottes auf diese Erde, um Verdammte zu retten und Verzagte herauszureißen aus ihrer Seelennot. Fragen wir, wie der HERR Jesus sich über den Niedergeschlagenen erbarmt hat, auf welche Weise er seine Trauer in Freude, seine Angst in Zuversicht, sein Zagen in Gewissheit des Heils verwandelte, so antwortet Hiskia: „Du wirfst alle meine Sünde hinter dich zurück“.

Du vergibst mir meine Sünde! Du rechnest sie mir nicht zu! Du streichst die Schuld einfach durch mit deinem Blut! Du schenkst mir Ungerechtem deine Gerechtigkeit! Du nimmst mir meine Missetat und gibst mir deine Unschuld. Du reißt mich aus aller Not durch dein Sterben am Kreuz. Der HERR zeigt uns an Hiskia, wie er in Christus jedem verzagten Menschen begegnet, der sich mit der Bitte um Gnade und Vergebung an ihn wendet. Da spricht der Heiland: „Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünde wie den Nebel. Kehre dich zu mir; denn ich erlöse dich“ (Jes.44,22).

Wo Vergebung der Sünden ist, steht der Himmel offen, da schenkt Gott einen frischen Mut, ein getrostes Gewissen und gießt ins Herz die köstliche Hoffnung auf das ewige Leben. Vergebung der Sünde macht Leib und Seele gesund, hier in der Zeit die Seele – und wenn Gott will auch den Leib; und dort im Himmel ganz gewiss auch alle körperlichen Gebrechen. Dein Gott hat die Kraft, auch das schmerzvollste Krankenlager in ein Paradies der Glaubenszuversicht zu wandeln.

„Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünde hinter dich zurück.“ Gott der HERR hat Hiskia erfahren lassen und lässt es auch uns erfahren, was wir in einem Lied singen: „Aber dein heilsam Wort das macht mit seinem süßen Klingen, dass mir das Herze wieder lacht und neu beginnt zu springen…“ Wer sich durch Gottes Wort aus seiner fleischlichen Sicherheit reißen und sich durch das finstere Tal der Seelenangst in das Licht der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes führen lässt, dem wird das Evangelium von der Gnade Gottes in Jesus Christus zum größten Schatz – und er ruft mit David: „Die Rechte des HERRn… sind köstlicher denn Gold und viel feines Gold; sie sind süßer denn Honig und Honigseim“ (Ps.19,11).

In welcher Weise aber hat Gott dem König Hiskia den Trost der Vergebung zugesprochen? Der barmherzige Gott kommt zu dir in seinem Gnadenwort. Gott hat dies nicht mit eigenem Mund getan, sondern durch seinen Prediger und Boten, durch den Beichtvater des Königs, durch den Propheten Jesaja.

So hat Gott der HERR auch uns das Predigtamt geschenkt, durch das er seine Gnadenschätze austeilen lässt. So glaube nun fest, dass der HERR dir durch den Mund seines Boten alle Schuld erlässt und dass die Vergebung, die du aus dem Mund des berufenen Dieners hörst „auch im Himmel so gewiss ist, als handelte dein lieber HERR Christus selbst an dir“. Dann sei getrost und fröhlich! –denn dann hast du allen Grund, wieder getrost und fröhlich zu sein!

Schöpfe mit vollen Händen aus dem Brunnen des Heils, aus dem Evangelium, und sprich mit Hiskia: „Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünde hinter dich zurück“. Amen.

Pfarrer Martin Blechschmidt, Runkel-Steeden