ML Ein jeder Christ soll, kann und darf GOttes Wort verkündigen, auch wenn er nicht in das heilige Predigtamt berufen ist

Auszug aus „Dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- oder abzusetzen: Grund und Ursache aus der Schrift“

Walch2 10, 1543 (13) – 1546 (19)
Quelle: www.glaubensstimme.de

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13. Denn das kann niemand leugnen, daß ein jeglicher Christ Gottes Wort hat und von Gott gelehrt und zum Priester gesalbt ist, wie Christus spricht Joh. 6,45: »Sie werden alle von Gott gelehrt sein«, und Ps. 45,8: »Gott hat dich gesalbt mit Freudenöl vor allen deinen Mitgenossen.« Diese Mitgenossen sind die Christen, Brüder Christi, die mit ihm zu Priestern geweiht sind, wie auch Petrus sagt 1 Petr. 2,9: »Ihr seid das königliche Priestertum, daß ihr verkündigen sollt die Tugend des, der euch berufen hat zu seinem wunderbaren Licht.«

14. Ist es aber so, daß sie Gottes Wort haben und von ihm gesalbt sind, so sind sie auch schuldig, es zu bekennen, zu lehren und auszubreiten, wie Paulus sagt 2. Kor. 4,13: »Wir haben auch denselben Geist des Glaubens, darum reden wir auch«; wie der Prophet sagt, Ps.16,10: »Ich bin gläubig geworden, darum rede ich.« Und Ps. 51,15 sagt es von allen Christen: »Ich will die Gottlosen deine Wege lehren, und daß sich die Sünder zu dir bekehren.« So ist es hier abermals gewiß, daß ein Christ nicht allein Recht und Vollmacht hat, das Wort Gottes zu lehren, sondern er ist es zu tun schuldig bei Verlust seiner Seele und bei Ungnade Gottes.

15. Darauf sprichst du: Ja, wie? Wenn er nicht berufen ist, so darf er ja nicht predigen, wie du selbst oft gelehrt hast! Antwort: Hier sollst du feststellen, daß ein Christ an zweierlei Ort sein kann. Erstens, wenn er an einem Ort ist, wo keine Christen sind: Da bedarf er keiner anderen Berufung, als daß er ein Christ ist, von Gott inwendig berufen und gesalbt. Da ist er schuldig, den irrenden Heiden oder Unchristen zu predigen und das Evangelium zu lehren, aus Pflicht brüderlicher Liebe, obgleich ihn kein Mensch dazu beruft. So tat es St. Stephan, Apg. 6,8; 7,2, dem doch von den Aposteln kein Amt zu predigen aufgetragen war, und predigte doch und tat große Zeichen im Volk. Ferner tat es auch ebenso der Diakon Philippus, Stephans Geselle, Apg. 8,5, dem auch das Predigtamt nicht aufgetragen war. Ferner tat es so Apollos, Apg. 18,24 ff. Denn in einem solchen Fall sieht ein Christ aus brüderlicher Liebe die Not der armen, verdorbenen Seelen an und wartet nicht, ob ihm Befehl oder schriftliche Weisung von einem Fürsten oder Bischof gegeben werde; denn Not bricht alle Gesetze und hat kein Gesetz. So ist die Liebe schuldig, zu helfen, wo sonst niemand ist, der hilft oder helfen könnte.

16. Zweitens, wenn er aber an einem Ort ist, wo Christen sind, die mit ihm gleiche Vollmacht und gleiches Recht haben: Da soll er sich selbst nicht hervortun, sondern sich berufen und hervorziehen lassen, daß er anstelle und mit Auftrag der anderen predige und lehre. Ja, ein Christ hat so viel Vollmacht, daß er auch mitten unter Christen ohne Berufung durch Menschen auftreten und lehren kann und soll, wenn er sieht, daß der Lehrer daselbst es fehlen läßt, so jedoch, daß es gesittet und züchtig zugehe. Das hat St. Paulus klar beschrieben, l. Kor. 14,30, da er spricht: »Wird dem, der da sitzt, etwas offenbart, so soll der erste schweigen.« Siehe da, was St. Paulus hier tut: Er heißt den, der da lehrt, schweigen und abtreten mitten unter den Christen und den, der da zuhört, auftreten, auch ohne Berufung; das alles deshalb, weil Not kein Gebot hat.

17. Wenn denn nun hier St. Paulus, wenn es notwendig ist, mitten unter den Christen einen jeglichen auch ohne Berufung auftreten heißt und beruft ihn durch solches Gotteswort und heißt den ändern abtreten und setzt ihn kraft dieser Worte ab, wieviel mehr ist es dann recht, daß eine ganze Gemeinde einen zu solchem Amt beruft, wenn’s notwendig ist, wie es denn allezeit und besonders jetzt ist. Denn St. Paulus gibt an derselben Stelle auch einem jeglichen Christen Vollmacht, unter den Christen zu lehren, wenn’s notwendig ist, und spricht: »Ihr könnt wohl alle nacheinander weissagen, daß sie alle lernen und alle ermahnt werden« (1.Kor. 14,31); ferner: »Ihr sollt euch befleißigen zu weissagen, und wehret nicht, mit Zungen zu reden, doch laßt es alles ordentlich und ehrbar zugehen.« (1. Kor. 14,39 f.)

Diesen Spruch laß dir nicht einen unsicheren Grund sein, da er der christlichen Gemeinde so überschwenglich Vollmacht gibt, daß sie predigen, predigen lassen und berufen kann. Besonders wo es notwendig ist, beruft er selbst einen jeglichen eigens, ohne Berufung durch Menschen, damit wir keinen Zweifel daran haben sollen, daß die Gemeinde, die das Evangelium hat, unter sich selbst jemanden erwählen und berufen kann und soll, der statt ihrer das Wort lehre.

18. Sprichst du aber: St. Paulus hat doch dem Timotheus und Titus befohlen, sie sollten Priester einsetzen; ebenso lesen wir auch Apg. 14,13, daß Paulus und Barnabas unter den Gemeinden Priester verordneten; darum kann nicht die Gemeinde jemanden berufen noch jemand sich selbst hervortun, zu predigen unter den Christen, sondern man muß die Erlaubnis und den Befehl der Bischöfe, Äbte oder anderer Prälaten haben, die die Stelle der Apostel einnehmen. Antwort: Wenn unsere Bischöfe und Äbte usw. die Stelle der Apostel einnähmen, wie sie sich rühmen, so wäre das wohl eine richtige Meinung, daß man sie tun ließe, was Titus, Timotheus, Paulus und Barnabas taten, Priester einzusetzen usw. Da sie aber die Stelle des Teufels einnehmen und Wölfe sind, die das Evangelium nicht lehren noch dulden wollen, so geht sie, das Predigtamt und die Seelsorge unter den Christen zu beschicken, ebensoviel an wie den Türken und die Juden. Esel sollten sie treiben und Hunde führen!

19. Überdies, wenngleich sie nun auch rechtschaffene Bischöfe wären, die das Evangelium haben wollten, und rechtschaffene Prediger einsetzen wollten, könnten und sollten sie dennoch das nicht tun: ohne Willen der Gemeinde erwählen und berufen, – ausgenommen, wo die Not es erzwänge, damit die Seelen nicht aus Mangel an göttlichem Wort verdürben. Denn in solcher Not, hast du gehört, kann nicht allein ein jeglicher einen Prediger beschaffen, sei es durch Bitten oder durch die Macht weltlicher Obrigkeit, sondern er soll auch selber hingehen, auftreten und lehren, wenn er’s kann. Denn Not ist Not und hat kein Maß, gleichwie jedermann hingehen und handeln soll, wenn’s brennt in der Stadt, und nicht warten, bis man ihn darum bittet.