Eigenschaften einer wahrhaft lutherischen Gemeinde

Die folgenden 28 Punkte hat Prof. C.F.W. Walther verfasst, einer der Führer der sächsischen Auswanderer, die die Evangelisch-Lutherische Synode von Missouri, Ohio u.a. Staaten in den USA gründeten… Walther war der erste Präses der „Missourisynode“, verfasste viele für die lutherische Kirche Nordamerikas grundlegende Schriften – die auch für uns heute eine große Bedeutung haben. Woher sollte man sonst Schriften bekommen, wie „Die rechte Gestalt einer … unabhängigen lutherischen Ortsgemeinde“ oder „Die Lehre von Gesetz und Evangelium“ oder „Die Kirche und ihr Predigtamt“? In dieser Hinsicht leben wir heute in einer „geistlichen Wüste“.

C. F. W. Walther:

Welches sind die Eigenschaften einer wohlgegründeten wahrhaft lutherischen Gemeinde, nach welchen daher lutherische Prediger mit ihren Gemeinden als ihrem Ziele zu streben haben?

(Zur Vorlage für die diesjährigen Verhandlungen des nordwestlichen Distrikts am 12. Juli 1876 und die folgenden Tage.)
aus: Der Lutheraner 1876 (32),86

1. Gottes Wort hat in ihr die Herrschaft.

2. Die Bekenntnisse der ev.-luth. Kirche sind in Wahrheit auch ihre Bekenntnisse.

3. Sie hält die ev.-luth. Kirche nicht für die Kirche, außer welcher kein Heil ist, sondern glaubt, dass Gott die Seinen überall hat; sie ist nicht sektiererisch.

4. Sie erkennt in Luther den von Gott berufenen Reformator der Kirche und achtet seine Schriften über alle anderen menschlichen Schriften hoch.

5. In ihr geht vor allem das Evangelium oder die Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben im Schwange.

6. Sie hat keine Lieblingslehre, die sie auf Kosten der anderen treibt, sondern achtet jede in Gottes Wort geoffenbarte Lehre für einen überaus kostbaren Schatz.

9. Sie setzt die Lehre über das Leben.

10. Sie achtet alle wider Gottes Wort streitende, falsche Lehre für ein gefährliches Seelengift.

21. Sie kann es nicht unterlassen, für die Wahrheit und wider den Irrtum zu zeugen.

8. Sie erkennt die Gemeinde der Gläubigen für die Inhaberin aller Kirchengewalt und verwirft daher alle Priesterherrschaft und Menschenknechtschaft in Sachen des Glaubens und Gewissens.

11. Sie nimmt nur solche unter ihre Glieder auf, welche ihrem Bekenntnis nach mit ihr eines Glaubens sind und von denen sie der Liebe nach annehmen kann, dass sie gläubige Christen sind (Kirchengemeinschaft).

25. Sie pflegt Gemeinschaft mit denen, die ihres Glaubens sind.

12. Sie hütet sich vor aller Religionsmengerei als einer Sache, die wider Gott ist.

7. Ihre wahren Glieder gründen die Gewissheit ihres Gnadenstandes vor allem auf die Gnadenmittel.

13. Sie glaubt von Herzen an die Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im heiligen Abendmahl und sucht daher zu verhüten, dass dasselbe bei ihr niemand zu seinem Gerichte genieße.

14. Sie übt an ihren Gliedern die von Gott gebotene Kirchenzucht in Lehre und Leben, aber in evangelischer Art und Weise.

15. Sie bringt ihre Kinder zur Taufe und sorgt für sie, als ihr anvertraute gläubige Kinder Gottes.

16. Sie beweist sich als eine sorgsame geistliche Mutter ihrer heranwachsenden Jugend.

17. Sie hält das Hausvateramt, Predigtamt und Obrigkeitsamt als Gottes Stiftungen und Ordnungen hoch und heilig.

18. Sie besteht fest auf ihrer christlichen Freiheit.

19. Sie treibt vor allen die Werke der Zehn Gebote und des Berufes, und verwirft alle selbsterwählten Werke und Gottesdienste.

20. Sie stellt das Wachsen in der Erkenntnis über vorübergehende religiöse Gefühlsaufregungen.

23. Sie ist erfüllt mit dem Geiste der Mission sowohl innerhalb als außerhalb der Kirche.

22. Sie verwirft alle Gleichstellung und Verkuppelung mit der Welt.

24. Sie gebraucht für ihre guten Zwecke keine unrechten Mittel.

26. Sie trachtet darnach, dass alles bei ihr wohlanständig, ehrlich und ordentlich zugehe, sowohl innerhalb als außerhalb des Gottesdienstes.

27. Sie hält Gottes Gaben auch im Reiche der Natur und der Welt hoch und ist eine Freundin von allen guten Künsten und Wissenschaften.

28. Sie ist nicht veränderlichen und neuerungssüchtigen Sinnes.