Der rechtfertigende Glaube

Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott.
Was sagt denn die Schrift? Abraham hat Gott geglaubet, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.
Dem aber, der mit Werken umgehet (d.h. davon die Rechtfertigung vor Gott erwartet), wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht.
Dem aber, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.
Nach welcher Weise auch David sagt, dass die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht:
Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind, und welchen ihre Sünden bedecket sind.
Selig ist der Mann, welchem Gott keine Sünde zurechnet. (Römer 4,2-8)

Gott muss im Menschen den Glauben wirken. Er ist nicht bloße Erkenntnis, sondern Vertrauen auf Gottes Gnade. Der Glaube ist nicht Bedingung der Rechtfertigung (Gott spricht nicht: Ich schenke dir Vergebung, aber du musst auch etwas tun, du musst glauben.) Joh. 1,16: “genommen Gnade um Gnade”. Die Hand des Bettlers macht nicht das Geschenk.

Was wird geglaubt?  (worauf vertraut wird): auf Christus und die Vergebung der Sünden bzw. das Wort des Evangeliums. Ist der Glaube ein Werk? Ja! Aber nicht das Werk des Menschen, sondern Gottes Werk: Joh. 6,29: Das ist Gottes Werk, daß ihr an den glaubet, den er gesandt hat”. Der Glaube ist nicht ein Werk des Sünders, das er vollbringen muss, damit Gott ihn rechtfertigt. Bei diesem Werk Gottes ist der Mensch rein passiv (pure passive). Dies zeigt der Glaube der kleinen Kinder (vgl. Röm. 4,5: “Gott macht die Gottlosen gerecht”)

Es wäre Hohn und Spott gegenüber dem Wohltäter, wollte man sagen, dass der Bettler, der das Almosen mit seiner Hand genommen hat, auch etwas zu seinem Lebensunterhalt beigetragen hätte.

Und das ist dann der rechte Glaube, dass man, wie Abraham, auf eben diesen Gott vertraut, der die Gottlosen gerecht macht. Wer glaubt, der spricht bei sich selbst so: Ich gehöre zu den Sündern, den Gottlosen. Daran ist kein Zweifel. Aber das ist nun Gottes Weise, dass er die Gottlosen gerecht macht. So bin ich also auch vor Gott gerecht. Die Sache ist einfach und leicht zu fassen. Gott ist ein solcher Gott, der die Gottlosen gerecht macht. Das glauben wir von Herzen und trösten uns dessen. Damit ist der Handel abgeschlossen. Dem, welcher an den Gott glaubt, der die Gottlosen gerecht macht, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet, der gilt und ist vor Gott rein und gerecht, eben weil er die Gerechtigkeit ergreift, die Gott den Gottlosen zuspricht, weil er den Gott für seinen Gott hält der die Gottlosen gerecht macht.

Und wir müssen es noch einmal wiederholen: Diese Trostlehre unseres barmherzigen Gottes ist so schlicht und einfach, das sie jedes Christenkind fassen kann. Die ganze Wahrheit von der Rechtfertigung fasst unser Katechismus in dem Wort zusammen: “Ich glaube eine Vergebung der Sünden”. Es gibt eine Vergebung der Sünden. Bei Gott ist viel Vergebung. Wer das glaubt und annimmt und auf sich bezieht, wer da von Herzen spricht: “Ich glaube eine Vergebung der Sünden”, der hat Vergebung, der ist vor Gott rein und gerecht – allein aus Gnaden – allein durch den Glauben um Christi willen!

Und alles, was hier vom rechtfertigenden Glauben gesagt wurde, das ist offenbar nichts als lauter Trost für arme Sünder. Auch wir Christen können diesen Trost niemals entbehren. Wenn wir vor Gottes Gericht stehen, besonders in der letzten Not und Angst, denn dann schwindet aller Trost, der sich auf die eigenen Werke besinnt. Wir sehen und finden bei und in uns nichts Gutes, sondern nichts als Sünde, Missetat, Übertretung, Gottlosigkeit. Darum blicken wir allein auf Gott, auf unseren Gott, auf den Gott, welcher Missetat, Übertretung und Sünde vergibt, welcher alle unsere Sünden tilgt um seinetwillen, welcher frei, umsonst die Gottlosen gerecht macht. Diesem Gott werfen wir uns in die Arme und geben uns ganz und gar seiner Gnade und Barmherzigkeit dahin. Das ist der Glaube. So bestehen wir im Gericht – allein aus Gnaden – allein durch den Glauben um Christi willen! (nach D. Fr. Pieper)