D. Martin Luther zu 1.Petrus 1,2 (Vorsehung Gottes)

V. 2. Nach der Versehung GOttes, des Vaters.

Will also sagen: Daß ihr erwählt seid, das habt ihr nicht erlangt durch eure Kräfte, Werk oder Verdienst, denn der Schatz ist zu groß, daß aller Menschen Heiligkeit und Gerechtigkeit viel zu gering ist, ihn zu erlangen; dazu seid ihr Heiden gewesen, von GOtt nichts gewußt, keine Hoffnung gehabt, und den stummen Götzen gedient; darum kommt ihr ohn all euer Zutun, aus lauter Gnade, zu solcher unaussprechlicher Herrlichkeit, nämlich dadurch, daß euch GOtt der Vater von Ewigkeit dazu versehen hat; macht also die Versehung GOttes ganz lieblich und tröstlich, als sollte er sagen: Erwählte seid ihr, und bleibt‘s auch wohl, denn GOtt, der euch versehen hat, ist stark und gewiß genug, daß ihm seine Versehung nicht fehlen kann, doch so fern ihr auch seiner Verheißung glaubt, und ihn für einen treuen GOtt haltet.

Daraus sollen wir kurz diese Lehre nehmen, daß die Versehung nicht auf unsere Würdigkeit und Verdienst, wie die Sophisten vorgeben, gegründet sei, da sie der Teufel könnte alle Augenblick ungewiß machen und umstoßen; sondern in GOttes Hand steht sie, und auf seine Barmherzigkeit, die unwankelbar [= ohne daß sie wankt] und ewig ist, ist sie gegründet; daher sie auch GOttes Versehung heißt, und derhalben gewiß ist, und nicht fehlen kann.

Darum, ficht dich deine Sünde und Unwürdigkeit an, und fällt dir darüber ein, du seiest von GOtt nicht versehen, item, die Zahl der Auserwählten sei klein, der Haufe der Gottlosen groß, und erschrickst über den greulichen Exempeln göttliches Zorns und Gerichts etc., so disputiere nicht lange, warum GOtt dies oder jenes also mache, und nicht anders, so er doch wohl könnte etc. Auch unterstehe dich nicht, den Abgrund göttlicher Versehung mit der Vernunft zu erforschen, sonst wirst du gewiß drüber irre, verzweifelst entweder, oder schlägst dich gar in die freie Schanz [= das Leben aufgeben], sondern halt dich an die Verheißung des Evangelii, die wird dich lehren, daß Christus, GOttes Sohn, in die Welt kommen sei, daß er alle Völker auf Erden segnen, das ist, von Sünde und Tode erlösen, gerecht und selig machen sollte, und daß er solches aus Befehl und gnädigem Willen GOttes, des himmlischen Vaters, getan habe, ,,der die Welt also geliebet hat, daß er seinen einigen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben, Joh. 3.

Folgst du dem Rat, nämlich, erkennst du zuvor, daß du ein Kind des Zorns von Natur bist, des ewigen Todes und Verdammnis schuldig, daraus dich keine Kreatur, weder menschlich, noch engelisch [= kein Engel], erretten könne, und ergreifst darnach GOttes Verheißung, glaubst, daß er ein barmherziger, wahrhaftiger GOtt sei, der treulich halte (aus lauter Gnade, ohn alle unser Zutun und Verdienst), was er geredet habe, und habe darum Christum, seinen einigen Sohn, gesandt, daß er für deine Sünde sollte genugtun, und dir seine Unschuld und Gerechtigkeit schenken, dich endlich auch von allerlei Not und Tod erlösen: so zweifle nicht daran, du gehörst unter das Häuflein der Erwählten etc. Wenn man auf solche Weise (wie denn St. Paulus auch pflegt) die Versehung handelt, ist sie über die Maßen tröstlich. Wer‘s anders vornimmt, dem ist sie schrecklich etc.

Durch die Heiligung des Geistes

GOtt, der Vater, sagt er, hat euch versehen, daß ihr seine auserwählten Kinder sollet sein, und geheiligt werden, nicht durch äußerliche, leibliche Heiligkeit des Gesetzes, welches mit alle seiner Heiligkeit niemand je hat können nach dem Gewissen vollkommen machen, Hebr. 7,19/ 9,13.14/ Phil. 3,9; viel weniger aber durch eure heidnische Weise und abgöttischen Gottesdienste etc. Wodurch denn? Durch die Heiligung des Geistes1, denn eure Herzen sind durch den Glauben vom Unflat der Abgötterei und des Aberglaubens geheiligt und gereinigt. Wozu?

Zum Gehorsam und zur Besprengung des Blutes Jesu Christi

Ihr seid von GOtt erwählt und nun geheiligt, spricht er, nicht dazu, daß ihr in euren Sünden, vorigem heidnischen und eitlen Wandel beharren und bleiben solltet, sondern, daß ihr nun fort gehorsam und glauben sollt dem Evangelio Jesu Christi, welches euch verkündigt, daß ihr besprengt seid, nicht mit Kälber- oder Bocksblut, 2.Mose 24,6.8/ Hebr. 9,19., oder mit Sprengwasser von der Asche der rötlichen Kuh, 4.Mose 19,9, wie das jüdische Volk nach dem Gesetze Mosis besprengt ward, dadurch sie allein zur äußerlichen und leiblichen Reinigkeit geheiligt wurden, Hebr. 9,13.; sondern mit einem weit, weit besseren und köstlicheren Sprengwasser, nämlich mit dem teuren Blute Jesu Christi, des unschuldigen und unbefleckten Lammes GOttes, dadurch ihr inwendig im Geist und Gewissen geheiligt und gereinigt seid von allen Sünden, daß ihr nun rechte Gottesdiener seid, beide an Seele und Leib rein und heilig etc..

Diese Besprengung aber geschieht, wenn das Evangelium gepredigt wird von Christo, daß er das rechte Osterlamm sei, der sich selbst geopfert habe für die Sünde der ganzen Welt, seinen Leib und Blut für uns alle gegeben und vergossen etc. Wer der Predigt gehorsam ist und glaubt, der ist vom rechten Hohenpriester besprengt, daß ihm der Würger kein Leid noch Schaden tun kann. Von dem Besprengen sagt auch der 51. Psalm, V. 9.: ,,Besprenge mich, HErr, mit Ysop, daß ich rein werde; wasche mich, daß ich schneeweiß werde“; als sollte er sagen: Das Besprengen und Waschen, im Gesetz geboten, macht mein Herz nimmermehr rein und schneeweiß, daß ich dadurch der Sünden los werde, ein gut und fröhlich Gewissen vor dir habe, gerecht und selig werde. HErr, du mußt hier selbst Wäscher und Bader sein, und mit einem andern Wasser und Blut waschen und besprengen, denn die levitischen Hohenpriester pflegen etc.; sonft bleibe ich ewig schwarz, aussätzig und unflätig, ob ich mich gleich alle Stunde besprenge und wasche.

Hie siehst du, daß nicht allein St. Peter, der Apostel, sondern auch der heilige Prophet David, durch den Heiligen Geist erleuchtet, lange zuvor und eben zu der Zeit, da des Gesetzes Regiment am höchsten im Schwange ging, und aufs herrlichste war, anzeigt daß das Gesetz mit seinem schönen, herrlichen Gottesdienst und Zeremonien, deren mancherlei waren, als Schlachten, Opfern, Tauchern, Waschen, Besprengen etc., der Sünder Herz und Seele nicht habe rein machen können, sondern dies alles sei nur ein Vorbild und Figur gewesen des rechten Opfers und Blutsprengens, das Christus, der rechte Hohepriester, hat selbst ausrichten müssen.

Luthers sämtliche Schriften, Walch2 IX, 1114f

1Hier ist die Wiedergeburt/ Bekehrung gemeint – nicht die tägliche Heiligung nach den 10 Geboten!