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Wider die neuere Fälschung des lutherischen Schriftprinzips

Wider die neuere Fälschung des lutherischen Schriftprinzips
 

Der folgende Artikel stammt aus „Lehre und Wehre“, dem damaligen theologischen und kirchlich-zeitgeschichtlichen Monatsblatt der früheren Missourisynode, USA
>>> Lehre und Wehre, Volume 30, No. 10; October 1884; Seite 329 ff.

Im Nachfolgenden geben wir die Fortsetzung eines Referats, welches der diesjährigen Delegatensynode zur Besprechung vorlag, aber aus Mangel an Zeit nur teilweise besprochen werden konnte. Wir erachten den Gegenstand für wichtig genug, um auf denselben in dieser Zeitschrift zurückzukommen. Von der Synode besprochen wurde Satz 1:

Eine Lehre ist nur dann Schriftlehre, wenn sie sich auf das ausdrückliche Schriftwort gründet oder, was dasselbe ist, wenn sie allein aus den Stellen der Schrift entnommen und beurteilt wird, welche gerade von dieser Lehre handeln.

A. Was wir hiermit sagen. Nicht, daß alle Worte, mit welchen wir von einer Lehre reden (oder der kirchliche und theologische Ausdruck), dem Buchstaben nach in der Schrift stehen müßten, wohl aber, daß alles, was in einer Lehre ausgesagt wird, in den Worten der Schrift offenbart vorliegen müsse.B. Was wir hiermit abweisen: a. die Herleitung einer Lehre aus dem sogenannten Schriftganzen oder aus Stellen, welche nicht von dieser Lehre handeln; b. die Verwerfung oder Modulirung einer in dem Schriftwort klar ausgedrückten Lehre um sogenannter notwendiger Folgerungen willen oder im Interesse eines sogenannten Systems.Ferner wurde das Folgende von Satz 2 besprochen: „Nur wenn wir dies festhalten, bleiben a. die einzelnen Artikel der christlichen Lehre stehen.“ Die bezüglichen Verhandlungen der Synode finden sich in dem vor einigen Wochen erschienenen Bericht über die Delegaten-Synode S. 161–189, auf welchen wir hiermit hinzuweisen uns erlauben. Im Folgenden geben wir summarisch die Aufzeichnungen, welche für den noch übrigen Teil von Satz 2 gemacht waren.

Die Theologie, welche die Glaubensartikel nicht einfach hinnehmen will, wie dieselben in dem klaren, ausdrücklichen Worte der Schrift geoffenbart werden, stößt nicht nur, wenn sie consequent verfahren wollte, alle Glaubensartikel um (fides, quae creditur), sondern hebt auch durch ihre ganze Art das Wesen des subjectiven Glaubens (fides, qua creditur) vollständig auf.

„Glauben“ ist nicht ein Sehen, Fühlen, Begreifen oder deß etwas, sondern „glauben“ heißt, ohne, ja wider alles Sehen, Fühlen oder Begreifen, etwas für wahr halten und annehmen, weil Gottes Wort es sagt. Der Glaube hat in dem Worte Gottes sein Fundament und seinen zureichenden Grund. Weil es Gott geredet, darum glaube ich es, spricht der Christ, welcher glaubt. Das, und nur das, ist Glaube. So liegt denn klar zu Tage: wird — entweder ausdrücklich oder doch der Sache nach — die Forderung gestellt, daß ein Artikel, wenn er als ein Lehrartikel anerkannt werden wolle, nicht bloß ein ausdrückliches Schriftwort vorweisen sondern sich auch dadurch, und zwar ausschlaggebend, legitimieren müsse, daß er seinen vernunftgemäßen Zusammenhang mit andern Lehren (mit dem „Ganzen“ oder dem „System“) aufzeige: so hat der Glaube aufgehört. Denn in diesem Falle glaubt man ja den Artikel nicht, weil Gottes Wort ihn offenbart.

Man hat hier freilich–auch in jüngster Zeit — den Spieß umkehren wollen und behauptet, gerade der Glaube fordere die eben erwähnte Vermittlung einer Lehre mit der andern. Kein Mensch könne „glauben“, wenn ihm nicht der „Widerspruch“, der sich zwischen den einzelnen Lehren und Schriftaussagen finde, ausgeglichen würde. Aber gerade diese Argumentation beweist, daß man bereits den rechten Begriff des Glaubens hat fahren lassen. Man hat bereits für „glauben“ „begreifen“ und „verstehen“ eingesetzt. Was die christliche Kirche Glauben nennt, stützt sich nicht auf die Einsicht, wie die einzelnen Glaubensartikel sich zu einander reimen, sondern auf die klaren Aussagen des Wortes Gottes, in welchen die einzelnen Glaubensartikel geoffenbart sind. Was die christliche Kirche Glauben nennt, wird einzig und allein erzeugt und erhalten durch die Wirkung des Heiligen Geistes in dem für jede Lehre vorliegenden Schriftwort und ist nicht abhängig von der Einsicht in den Zusammenhang „des Ganzen“, sintemal es eine solche in diesem Leben gar nicht gibt, wie der Apostel bezeugt 1 Cor. 13, 12.: „jetzt erkenne ich’s stückweise„.

Die lutherische Kirche hat auch diesen Punkt bereits durchgekämpft. Wenn die Schwärmer Luther gegenüber den Grundsatz aufstellten, er habe, um die Richtigkeit seiner Abendmahlslehre zu beweisen, darzutun, wie sich seine Lehre vom Abendmahl mit der Lehre von der Himmelfahrt Christi reime, so malt Luther dieser Forderung der Schwärmer gegenüber deren „Glauben“ also ab: „Dank habt, lieben Herren, ich wußte nicht, daß man in Artikeln des Glaubens müßte nichts nach Gottes Wort fragen, sondern die leiblichen Augen aufthun und mit denselbigen der Vernunft nach urteilen, was zu glauben sei. Nun verstehe ich, was das heißt, fides est non apparentium (es ist der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man nicht siehet), das ist auf neue Auslegung dieser Geister so viel gesagt: Der Glaube soll nicht mehr noch weiter glauben, denn ihm die Augen mit Fingern zeigen und die Vernunft messen kann.“1)

Dasselbe Resultat — die Aufhebung dessen, was „glauben“ heißt — liegt vor Augen, wenn wir den Irrtum von der andern Seite ansehen, nämlich von der Seite „des Folgerns und Schließens“ nach den Grundsätzen der menschlichen Vernunft. Dieselbe „Theologie“ nämlich, welche an dem bloßen Schriftwort zur Begründung eines Glaubensartikels nicht genug hat, sondern dafür hält, daß ihr daneben auch das „Zusammenreimen“ befohlen sei, schlägt auch das Verfahren ein, Lehrartikel aus Schriftworten, in denen gar keine Offenbarung über den betreffenden Artikel vorliegt, mit der Vernunft zu folgern oder zu erschließen. So haben z. B. namentlich neuere Theologen es versucht, aus dem Wort „Gott ist die Liebe“ die Lehre, daß Gott dreieinig sei, durch Vernunftschlüsse abzuleiten. 2) Und um auf ein Beispiel hinzuweisen, das uns näher angeht, so hat man in jüngster Zeit aus den allgemeinen Worten: „Wer da glaubt, wird selig werden“, Marc. 16, 16., „Ohne Glauben ist es unmöglich Gott gefallen“, Hebr. 11, 6., die Lehre — von der Gnadenwahl folgern wollen. Diesen Folgerungen der Vernunft, diesen Gemächten der menschlichen Gedanken gegenüber hört aber der „Glaube“ auf. Glaube hat immer nur vis-à-vis des Wortes Gottes statt. Wo Gottes ausdrückliches Wort ist, da kann Glaube sein, sobald Gottes ausdrückliches Wort aufhört, hört der Glaube auf. Dem gegenüber, was durch Vernunftspekulation erschlossen ist, gibt es keinen Glauben, sondern nur menschliche Meinung und menschliche Einbildung. Heerbrandt führt 3) es als ein proprium fidei an, „daß er auf Gottes Wort als seinem Fundamente ruht, Röm. 10.: ‚Der Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes.‘ Wo immer daher wir kein Wort Gottes haben, da ist kein Glaube, sondern es ist da ein leerer Wahn und Aberglaube, nach welchem betrogene Menschen wähnen und behaupten, daß sie glauben, was sie selbst sich fälschlich einbilden.“

Das ist wohl festzuhalten: In der Theologie wird kein Satz geglaubt

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1) Erl. Ausg. 30,48.

2) Vgl. Kahnis, Dogmatik. 2.Anfl. I, 401.

3) „Quod nititur verbo Dei tanquam fundamento, Rom.10. Fides est ex auditu, auditus per verbum Dei. Ubicumque ergo verbo Dei destituimur, Fides esse non potest, sed opinio est vana et superstitio, qua homines falsi credere se arbitrantur et affirmant, quod ipsi falso imaginantur.“ (Compend. 1573, S. 202.)

— das Wort in dem Sinne genommen, in welchem wir überhaupt von Glaubensartikeln reden — der nicht in einem Worte Gottes wirklich geoffenbart vorliegt. Mag uns eine Lehre oder ein Teil einer Lehre nach unserem natürlichen Gefühl noch so sehr gefallen, mag sie uns noch so probabel erscheinen, mag Jemand meinen, durch seine glückliche Methode oder durch sein scharfes Nachdenken oder durch seine tiefe Meditation auf einen gewissen Satz gekommen zu sein: fehlt ihm Gottes klares Wort für denselben, so glaubt er ihn nicht. Was er vielleicht für Glauben hält, ist menschliche Meinung, Wahn, Einbildung. „Wer nicht Schrift hat“ -sagt Luther — „der muß seine Gedanken haben; wer nicht Kalk hat, der mauert mit Dreck.“1) Keine Methode, kein scharfes Nachdenken, keine Meditation kann das mangelnde Wort Gottes ersetzen und dem Glauben geben, darauf sein Fuß ruhen möge.

So hat z. B. kein Reformierter je geglaubt, daß im Abendmahl das Brot den Leib Christi bedeute und daß die Taufe nur ein Zeichen der Wiedergeburt sei. Warum? Es gibt kein Wort Gottes, worauf sich ein solcher Glaube gründen könnte. Auch hat kein Calvinist je geglaubt, daß es, wie eine Prädestination zur Seligkeit, so auch eine Prädestination zur Verdammnis gebe. Warum? Es fehlt das Wort Gottes für die Prädestination zur Verdammnis; die Schrift lehrt wohl klar eine Gnadenwahl, aber keine Zornwahl. Wenn Calvinisten letztere zu glauben meinten, so war das Einbildung. Wie oft hält Luther den Schwärmern vor, daß sie bei aller prätendirten Gewißheit dennoch ihre Lehre vom Abendmahl nicht glaubten, weil ihnen eben Gottes Wort fehle, ja entgegen sei. Er schreibt u. A.: „Ich laß sie wohl rühmen und prangen, auch getrost schwören bei Gottes Gericht und Zorn, wie sie der Sachen gewiß seien und die Wahrheit ergriffen haben; aber es sind Worte, damit sie ihr unsicheres Gewissen gerne bergen und schmücken wollten, daß Niemand merken solle, wie ihr Herz inwendig wackelt und webt, als ein Rohr vom Winde bewegt, für großer Ungewißheit ihres Dünkels und Wahns.“ 2) Doch hierüber später noch mehr, wenn im Besonderen hervorgehoben werden soll, wie nur durch das Bleiben bei dem ausdrücklichen Wort Gottes der Glaube, insofern er eine gewisse Zuversicht ist, in unseren Herzen sein könne. Hier soll zunächst nur auf das Eine hingewiesen werden, daß Glaube und Gottes Wort zusammengehören, daß, wo Gottes Wort fehlt, auch der Glaube aufhöre.

Es sei in diesem Zusammenhang nur noch ein Beispiel in Erinnerung gebracht. Es hat auch nie einen Lutheraner gegeben, der geglaubt hätte, daß Gott die Erwählten in Ansehung des Glaubens (intuitu fidei) zur Seligkeit erwählt habe; und es wird nie einen Menschen geben bis an den jüngsten Tag, der dies glaubte. Warum? Es gibt kein Wort Gottes, welches diese Lehre offenbart. Wenn Jemand eine Gnadenwahl wirklich

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1) Erl. Ausg. 30, 74. 2) Erl. Ausg. 30, 31. 333

glaubt, so wird das immer nur die Lehre sein, welche die Concordienformel im 11. Artikel bekennt, denn nur für diese gibt es Schrift, wie die Darlegung der Concordienformel ausweist. Auch die späteren Lehrer unserer Kirche, die die Intuitu-Fidei-Lehre in ihren Schriften vorgetragen haben, haben diese ihre Lehre nicht mit göttlichem Glauben geglaubt, sondern dieselbe nach bloß menschlicher Meinung für recht gehalten. Auch keiner unserer neuesten Gegner im Gnadenwahlsstreit glaubt die von ihm vertretene Lehre. Keiner von ihnen kann mit Wahrheit sagen: „Ich glaube, darum rede ich“; sondern im besten Falle reden, schreiben, disputieren sie, weil sie in menschlicher Meinung sich etwas einbilden. Das wissen wir so gewiß, so gewiß sie kein Wort Gottes für ihr Ding haben. Sie können nicht den Finger auf Gottes Wort legen und sagen: „So steht geschrieben„, sondern ihr Text lautet: „Wie ist’s nur denkbar?“, „Was sollte man von einem Gott halten?“ u. s. w. Sie nehmen, was sie von der Gnadenwahl lehren, nicht aus dem ausdrücklichen Schriftwort, welches gerade die Lehre von der Gnadenwahl offenbart, sondern nehmen allgemeine Schriftstellen, wie „Wer da glaubt, wird selig werden“, vor sich und wollen von hier aus mit ihrer Vernunft erschließen, wie Gott seine ewige Gnadenwahl eingerichtet haben müsse. Ihre Lehre steht auf einer Vernunftfolgerung. Eine bloße Vernunftfolgerung aus Gottes Wort ist aber nicht Gottes Wort, sondern ein Gedanke, den sich ein Mensch über und neben Gottes Wort einfallen läßt, und dem gegenüber kein Glaube statt hat.

Diese den Glauben aufhebende Weise, Theologie zu treiben, ist jetzt ganz besonders die Art derjenigen Theologie, welche sich einer negativen Richtung gegenüber gerade das Prädicat „gläubig“ beilegt. Nichts ist dieser Theologie gewöhnlicher, als die Redeweise von verschiedenen Richtungen „auf dem Grunde der heiligen Schrift“. Diese verschiedenen Richtungen „auf dem Grunde der Schrift“ sind so entstanden, daß die „verschiedenen“ Theologen ein mehr oder minder großes Stück der göttlichen Offenbarung sich erwählen, das zum „Grunde“ ihrer Theologie machen und von diesem Grunde aus mit ihren eigenen Gedanken weiter arbeiten und so je nach ihrer eigentümlichen Begabung, Erfahrung und Auffassung die christliche Lehre „verschiedenartig gestalten“ und ausbauen. Und diese „verschiedenen Richtungen auf dem Grunde der Schrift“ findet man ganz in der Ordnung. Dagegen halten wir fest: „auf dem Grunde der Schrift“ gibt es nur eine Richtung. Auf dem Grunde der Schrift bleibt man nämlich nicht dann, wenn man sich nur auf einer Ecke oder auf einem einzelnen Teile der göttlichen Offenbarungen anbaut und von hier aus Spaziergänge nach seinen eigenen Gedanken unternimmt und mit seinen eigenen Gedanken — der „erleuchteten“ oder „unerleuchteten“ Vernunft — weiterbaut: sondern „auf dem Grunde der Schrift“ bleibt man nur dann, wenn man nicht bloß bei dem Ausgangspunkt, sondern auch bei jedem weiteren Schritt — Schritt für Schritt — bei dem ausdrücklichen Worte Gottes bleibt, wenn man immer nur so weit geht, als Gottes Wort vorangeht, Gottes ausdrückliches Wort muß das ganze Gebiet der christlichen Lehre in allen einzelnen Lehren und in allen einzelnen Teilen derselben bemessen. Und wenn wir die christliche Lehre mit einem Gebäude vergleichen: nicht bloß das Fundament oder der Grund muß aus dem Worte Gottes genommen sein, sondern auch das erste und zweite Stockwerk nebst dem Dache. Sonst ist das Gebäude nicht aufgebaut aus dem Gold, Silber und Edelsteinen der ewigen göttlichen Wahrheit, sondern aus dem Holz, Heu und den Stoppeln nichtiger Menschengedanken; und sonst findet dem Gebäude der Lehre gegenüber nicht „Glaube“, sondern Wahn und Einbildung statt. Die Theologie, welche die „verschiedenen Richtungen auf dem Grunde der Schrift“ will, trägt den Namen „gläubig“ wie lucus a non lucendo. Diese Theologie ist nicht „gläubig“, sondern ihrem eigentlichen Wesen nach rationalistisch, trotzdem sie „auf dem Grunde der Schrift“ sich bewegen will.

Auch Luther hat bereits diese Art des Rationalismus aufgedeckt und bekämpft. Er verwirft nicht nur den groben Rationalismus, wenn Jemand, wie die Heiden, Muhamed und der Pabst, sich einen Weg zum Himmel von vornherein nach ihren Gedanken ersinnen, sondern auch den feineren, nach welchem man zwar ein Wort Gottes vor sich nimmt, aber nun nicht dabei stehen bleibt, was in demselben wirklich geoffenbart vorliegt, sondern von hier aus mit seinen eigenen Gedanken weiter schließen und folgern will. Er redet von solchen, „die wohl das Wort der Offenbarung auch hören und, vom Teufel geführet, drüber und neben ausfahren, wollen Gottes Wege und Gericht ergreifen, die er nicht offenbaret hat; welche, so sie Christen wären, sollten sich wohl begnügen und Gott dafür danken, daß er sein Wort gegeben, darin er selbst zeiget, was ihm gefället, und wie sie sollen selig werden.“ 1) Ganz richtig schreibt Harnack über Luther: „Luther will keinem Apriorismus das Bürgerrecht in der Theologie ertheilt haben, nicht dem philosophischen, auch nicht dem religiösen, dem statt des Wortes Gottes der subjective Glaube Gegenstand, Quelle und Maß der Erkenntniß ist. Denn der Glaube, der das Princip der Theologie Luthers bildet, ist selbst weder eine bloße fromme Affection, noch ein neben und über dem Wort schwärmendes gläubiges Bewußtsein, sondern es ist der mit den Gnadenthaten und mit dem dieselben uns vermittelnden Worte Gottes fest zusammengeschlossene Glaube.“ 2) Luther hält dem Bischof von Meißen entgegen: „Wer hat uns befohlen, mehr in das Sacrament zu ziehen, denn die klaren, hellen Worte Christi geben?“ und ruft aus: „Lieber Gott, wie ist’s so große Mühe

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1) Erl. Ausg. 9,14 ff.

2) Luthers Theologie. Erlangen 1862. S. 59f.

und Arbeit, daß ein Christ bleibe, wenn er gleich helle, dürre, gewisse Worte Gottes vor sich hat! was soll’s denn werden, wo man die Worte fahren lässet, und gibt sich auf der Vernunft Folgern und Klügeln?“1) „Ich will die Worte haben und den Glauben auf sie, wie sie lauten, setzen, daß ich nicht will glauben den Leib, den Christus meinet außer und ohne sein Wort; sondern den Leib, den seine Worte meinen, wie sie dastehen und lauten. . . Außer seinem Wort und ohne sein Wort wissen wir von keinem Christo, viel weniger von Christus Meinung.“ 2) „An das Wort sollen wir gebunden sein, das sollen wir hören, und soll ohne Gottes Wort aus seinem eigenen Kopf Niemands etwas lehren. Also bindet Moses sie alle an seinen Mund, und legt also allen Lehrern seine Weise und Exempel für.“ 3) Endlich schreibt Luther: „Darum ist’s eine sehr nötige und nütze Lehre, daß man eigentlich wisse, was das heiße, recht glauben, nämlich Gottes Wort und Verheißung haben und fest daran hangen, daß es gewißlich also werde geschehen, wie das Wort uns vorsagt. Denn ohne Gottes Wort etwas glauben, ist kein Glaube, sondern ein falscher Wahn.“ 4) F.P.

November 1884.

Wider die neuere Fälschung des lutherischen Schriftprincips.
(Fortsetzung.)

Zum Wesen des christlichen Glaubens gehört die Gewißheit. Gewaltig hat das Luther gegen Erasmus ausgeführt. Christlicher Glaube und Ungewißheit, ein Christ und seiner Sache nicht gewiß sein, sind Luther vollkommene Widersprüche. „Es ist schade“ -schreibt er — „daß ich in diesem Artikel, nämlich, daß ein Christ muß gewiß sein, welcher doch klärer ist, denn die Sonne, soll Zeit und Wort zubringen. Welcher Christ kann doch das leiden oder hören, daß Erasmus oder Andere sagen, er wolle in dieser Sache, darauf eines Christen Seligkeit stehet, nichts Gewisses schließen? Denn was ist’s anderes, in diesen Sachen nichts Gewisses schließen, denn das ganze Christenthum und den Glauben verleugnen?“ Und vorher: „Wenn du das gewiß Verjahen, welches lateinisch assertio heißt, wegnimmst, und daß Christen ihres Dings nicht gewiß sind, sind es schon nimmer Christen und hast den Glauben weg genommen. Denn der Heilige Geist wird darum den Christen vom Himmel gegeben, daß er die Herzen der Gläubigen heilige, sie beständig und gewiß mache, Christum zu bekennen, und darauf fest zu bleiben und zu sterben.“ Und später: „Der Heilige Geist ist kein Scepticus, er hat nicht einen ungewissen Wahn in unser Herz geschrieben, sondern eine kräftige, große Gewißheit, die uns nicht wanken läßt und, will’s Gott, nicht wird uns wanken lassen, sondern, Gott Lob, so gewiß macht, als gewiß wir sind, daß wir jetzund natürlich leben, oder daß zwei und drei fünf sind.“ Luther ruft deshalb aus: „Darum nur immer weg mit den Philosophis, es sind gleich Sceptici oder Academici, die also kein Ding haben wollen gewiß verjahen. Wir Christen müssen unserer Lehre auf’s allergewisseste sein und gründlich und ohn alles Wanken wissen, Ja oder Nein zu sagen, und dabei zu bleiben.“ Luther weist auch nach, daß dieser Begriff des Glaubens aus der Schrift genommen sei. „Wie oft braucht wohl“ — schreibt er — „der Apostel 1. Thess. 1., und sonst in seinen Episteln, das griechische Wort Plerophoria, welches er heißt eine solche Gewißheit und Fülle, da unsere Herzen gar nicht wanken, sondern allenthalben voller Gewißheit sind.“1) Luthers Schriften sind voll von ähnlichen Aussprachen über die Art des Christenglaubens. Wir führen hier noch eine Stelle aus seiner Schrift über die letzten Worte Davids, 2 Sam. 23, 1–7. an. Luther sagt hier: „Der Glaube ist und soll auch sein ein Standfest des Herzens, der nicht wanket, wackelt, bebet, zappelt noch zweifelt, sondern fest stehet, und seiner Sache gewiß ist.“ 2)

Woher kommt es aber, daß die Christen in den Dingen, die doch kein Auge gesehen, kein Ohr gehöret hat und die in keines Menschen Herz gekommen sind (1Cor. 2, 9.), so gewißsind? Das kommt daher, daß sie auf dem ausdrücklichen Schriftwort stehen und nicht im geringsten auf ihren eigenen Gedanken von Gott und göttlichen Dingen. Unser Herz, allein das Schriftwort ergreifend, wird fest wie das Schriftwort selbst, von dem es regiert und eingenommen ist. Diese Beziehung zwischen dem festen Herzen und dem Schriftwort hebt auch Luther hervor an der schon oben angeführten Stelle. Luther sagt, nachdem er den Glauben als „ein Standfest des Herzens“ beschrieben hat: „Gottes Wort bleibt ewiglich; bleibt, d. i., es hält fest, ist gewiß, weicht nicht, zuckt nicht, sinkt nicht, fället nicht, läßt nicht feihlen. Wo nun dieses Wort in’s Herz kommt mit rechtem Glauben, da macht’s das Herz ihm gleich, auch fest, gewiß und sicher, daß es so steif, aufrecht und hart wird wider alleAnfechtung, Teufel, Tod und wie es heißen mag, daß es trötzlich und hochmüthiglich alles verachtet und spottet, was zweifel, zagen, böse und zornig sein will.“ 3)

Mit dieser Gewißheit aber ist es aus, sobald man mit seinen Gedanken über das klare Schriftwort hinausgeht, „drüber und neben ausfährt“, wie Luther sich ausdrückt. Der Christ ist gewiß nur insofern und so weit, als das Wort ihn „hat“. Sehr bezeichnend sagt Luther von dem Christen, er sei „certus passive sicut verbum Domini certum active„, der Christ ist gewiß leidender Weise, wie das Wort Gottes gewiß ist wirkender Weise; das Wort nimmt das Herz der Christen in Beschlag, und dadurch ist die Gewißheit in dem Christen. Soweit daher ein Wort Gottes da ist, ist auch Gewißheit da; wo das Wort aufhört, hört auch die Gewißheit auf. Sofern das Herz mit eigenen Gedanken über Gottes Wort und geistliche Dinge erfüllt ist, ist in dem Herzen Ungewißheit. Vernunftspeculationen über Gottes Wort, Vernunftfolgerungen aus Gottes Wort 2c. erzeugen nie Gewißheit, so gewiß nur das Gottes Wort ist, was ausdrücklich dasteht, nicht aber das, was man sich gelegentlich eines

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1) Vgl. De servo arbitrio. Milw. Ausg. S. 11-16.

2) Erl. Ausg. 37, 7. 8.

3) A. a. O. S. 8.

Schriftwortes einfallen läßt. Luther sagt, bei ihm sei es mit der Gewißheit immer aus gewesen, sobald er das Schriftwort aus den Augen verloren habe. Er schreibt‘ „Das hat mich die Erfahrung allzuoft gelehret, wenn mich der Teufel außer der Schrift ergreifet, da ich anfahe mit meinen Gedanken zu spazieren und auch gen Himmel zu flattern, so bringt er mich dazu, daß ich nicht weiß, wo Gott oder ich bleibe. Also will er diese Wahrheit, so er im Herzen lehren soll, angebunden haben, daß man Vernunft und alle eigenen Gedanken und Fühlen hintan setze und allein an dem Wort hange und für die einige Wahrheit halte. Regieret auch allein dadurch die christliche Kirche bis an’s Ende.“1) Daß Luther zu dem „außer der Schrift“ „mit eigenen Gedanken spazieren“ gerade auch das Umgehen mit sogenannten „nothwendigen Folgerungen“, die man dann für Gottes Wort selbst ausgibt, rechne, geht u. A. aus folgendem Ausspruche Luthers hervor: „Auch deine eigenen Gedanken von Christo und dem Glauben betrügen, daß du meinest, du seiest recht daran, und ist doch nichts, denn dein Dünkel oder Andacht. . . Darum ist wohl vonnöthen, daß ein jeglicher hier wacker und sorgfältig sei und sich allenthalben umsehe und wisse, daß der Teufel nicht weit von uns, sondern stets um uns ist und lauert, wie er uns erhasche, daß er uns nicht seine Gedanken oder Schein für Gottes Wort dargebe. Wir haben die Artikel unseres Glaubens in der Schrift genugsam gegründet, da halte dich an und laß es dir nicht mit Glossen drehen und nach der Vernunft deuten, wie sich’s reime oder nicht, sondern wenn man dir Anders aus der Vernunft und deinen Gedanken will hinan schmieren, so sprich: Hier habe ich das dürre Gottes Wort und meinen Glauben, da will ich bei bleiben, nicht weiter denken, fragen oder hören, noch klügeln, wie sich das oder dies reime, noch dich hören, ob du gleich einen anderen Text oder Sprüche herbringest, als dem zuwider aus deinem Kopf gezogen und deinen Geifer daran geschmieret. Denn die wird nicht wider sich selbst noch einigen Artikel des Glaubens sein, ob es wohl in deinem Kopf wider einander ist und sich nicht reimet.“ 2)

Was Luther hier verwirft, haben unsere Gegner im Streit über die Lehre von der Gnadenwahl immerfort practicirt. Sie stehen mit ihrer Lehre nicht auf dem Text der heiligen Schrift, sondern gehen mit Vernunftfolgerungen um. Daß darum in ihren Herzen keine Gewißheit sein kann, trotz aller prätendirten Plerophorie, versteht sich von selbst. Luther 3) sagt von den Schwärmern, die in Bezug auf die Lehre vom Abendmahl nicht bei dem Schriftwort bleiben, ihr Herz sei leicht zu urtheilen, wie es inwendig wackelt und webt, als ein Rohr vom Wind bewegt, „weil sie Gottes Wort feihlen und ihrem Dünkel folgen.“ „Das beweisen auch ihre

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1) Zu Joh. 16,7

2) Predigt von der christlichen Rüstung und Waffen. Erl. Ausg. 19,265 f.

3) Erl. Ausg. 30,31 f.

Schriften wohl, wie ängstlich sie schreiben. Hie rühmen sie sich einmal, da klagen sie denn; hier bitten sie um Friede, da begehren sie Unterricht; hier scheuen sie das Aergerniß, da suchen sie die Ehre Christi, und ist des unnöthigen Geflicks und Geplätzes so viel, daß sie selten zur Sache kommen und ganz wenig davon schreiben; und wenn sie drauf kommen müssen, so treten sie so leise, als gingen sie auf eitel Eiern, wischen darnach überhin, als jaget sie der Teufel, und fürchten, sie müssen in allen Buchstaben den Hals stürzen. Wenn sie überhin kommen sind, da wischen sie dann den Schweiß ab und die Angst und danken Gott für die Wahrheit; und ist denn da ein solch Lehren und Loben vom geistlichen Essen des Leibes und Blutes Christi und von seinem Gedächtniß 2c., darüber doch Niemand mit ihnen hadert, und wir’s ja so wohl und ehe gewußt haben, denn sie; daß man greift, wie sie nicht wissen, was sie sagen oder wie sie sollen den Leuten eine Nase machen.“1)

Die ganze moderne Theologie — auch gerade die sogenannte „gläubige“ oder „positive“ — ist eine Theologie der Ungewißheit. Sie gibt das auch äußerlich dadurch zu erkennen, daß sie ihre Elaborate häusig als „theologische Versuche“ bezeichnet und in ihre Aufstellungen gern den Satz „wenn ich mich nicht irre“ 2c. einschiebt. Dr. Luthardt z. B. behauptet, daß in Luthers Lehre vom freien Willen und den damit zusammenhängenden Materien „ein Moment des Irrthums“ enthalten sei. Was hat aber er (Dr. Luthardt) dem gegenüber aufzustellen? Er sagt: „Es liegt, wenn ich mich nicht täusche, fast Alles an einer doppelten Erkenntniß: für’s Erste, daß für das Zustandekommen des Glaubens das eigene persönliche Verhalten gewahrt bleibe und dasselbe in seiner Wirklichkeit nicht als rein ausschließliches Werk und That Gottes gedacht werde; zum Andern. daß die Prädestination nicht unmittelbar und ohne Weiteres auf die Einzelnen bezogen werde.“ 2) Woher diese Ungewißheit? Die neuere Theologie ist eben nicht eine Theologie des Wortes, sondern der Speculation. Sie will ausgesprochenermaßen nicht bei den einzelnen ausdrücklichen Schriftaussagen stehen bleiben, sondern über dieselben hinaus den einzelnen Glaubensartikeln Gestalt und Zuschnitt geben. Die neuere Theologie hat sich recht eigentlich nicht das, was in der Schrift steht, sondern das, was nicht in der Schrift steht, zum Gebiet ihrer Thätigkeit erkoren. Sie stellt sich nicht auf Gottes Wort, sondern zwischen die einzelnen Gottesworte, um zwischen denselben im Sinne der Vernunft zu vermitteln und die

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1) So war auch jetzt im Streit über die Lehre von der Gnadenwahl gegnerischerseits ein großes „Lehren und Loben“ davon, daß man durch den Glauben selig werden müsse, als ob das je unsererseits geleugnet worden wäre. Die Frage war, ob der Glaube der Auserwälten ihrer Wahl vorangehe, ob die Wahl intuitu didei geschehen sei. Das war mit dem Text der Schrift zu beweisen. Diese fortwährende Verschiebung des punctum saliens offenbart die innere Zerfahrenheit.

2) Die Lehre vom freien Willen. Leipzig 1863. S.148.

Offenbarung Gottes in ein „verständlich System“ zu bringen. Dabei aber hantirt sie mit eitel eigenen Gedanken und Einfällen und ist ihrer Sache stets ungewiß. Wollen wir nicht in dieses unsichere Tasten hineingerathen, dann müssen wir mit unseren Gedanken über Gott und göttliche Dinge bei dem ausdrücklichen Worte Gottes bleiben und uns nicht beikommen lassen, daß wir auch nur einen Schritt weiter gehen könnten, als Gottes Wort führt. Trieben wir so Theologie, daß wir z. B. aus den Worten „Gott ist die Liebe“ die Lehre von der Dreieinigkeit, oder aus den Worten „Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott gefallen“ die Lehre von der Erwählung folgern wollten, so wäre es mit der Gewißheit aus. -Man nennt uns „fertige“ Leute. Wir lassen uns das Prädicat in einem gewissen Sinne gefallen. Die geistliche Wahrheit, alles, was wir glauben sollen, liegt geoffenbart in Gottes Wort vor; wir brauchen weder in die Höhe noch in die Tiefe zu fahren, um durch Speculationen, Vernunftfolgerungen u. s. w. die Wahrheit erst zu ergrübeln. Das Wort ist uns nahe; durch den Glauben fassen wir, was daselbst geoffenbart ist, und haben damit die Wahrheit. Solche „fertigen“ Leute sollen die Christen sein. St. Johannes sagt von den Christen: „Ich habe euch nicht geschrieben, als wüßtet ihr die Wahrheit nicht, sondern ihr wisset sie 1 Joh. 2, 21. Dieses „fertig sein“ schließt freilich nicht das fortgehende Forschen und Studiren in Gottes Wort aus. Aber all unsere Thätigkeit ist darauf gerichtet, die im Worte bereits vorliegende, und zwar ganz vorliegende Wahrheit uns immer mehr zu eigenzu machen; wir wollen von dem im Worte strahlenden göttlichen Licht immer mehr durchleuchtet werden. Das Wort, das Wort allein, soll uns immer mehr und besser „haben“.

Dieses Stehen auf dem Wortallein ist auch der einzig haltbareStandpunkt in der Todesstunde. Die Theologie, welche vom Schriftwort absieht, ist eine nichtsnutzige Theologie. Sie befriedigt vielleicht das „wissenschaftliche Bedürfniß“ schwacher Denker, aber nicht das Bedürfniß des nach Gewißheit des Heils schreienden Herzens. Das durch Gottes Gesetz getroffene Gewissen kommt nicht zur Ruhe durch ein „einfachstes Princip“, durch „ein organisches Ganzes“, durch „nothwendige Folgerungen“ oder deß etwas. Es will ein klares, ausdrückliches Wort Gottes haben – ein klares Wort Gottes, an das ich mich in einfältigem Glauben anklammere, das mich noch hält, wenn ich kein Wort mehr sprechen kann und „mein Herz und Gedanken vergehen, wie ein Licht“. „Das Gewissen“ – schreibt Gerhard — „muß sich auf ein gewisses Wort stützen, sonst wird es von den Wellen des Zweifels fortwährend hin- und hergeworfen und endlich in den Strudel der Verzweiflung fortgerissen.“1)

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1) Conscientiam oportet niti certo verbo, abas perpetuis dubitationum fluctibus circumgyrata in vorticem desperationis tandem abripitur. L. de Conj. 559.

Diese Stellung zur Schrift gibt uns auch die rechte Entschiedenheit in der Abweisung des Irrthums. Man wirft uns vor, daß wir so „exclusiv“ seien. Unsere „Exclusivität“ kommt daher, daß wir mit dem, was wir lehren, nicht auf unseren Gedanken, sondern allein auf Gottes Wort stehen. Luther war unbeugsam der Irrlehre gegenüber, mochte sie von den Papisten oder von den Schwärmern aufgestellt werden; das kam daher, weil er sich wie ein Kind unter Gottes Wort beugte, weil er sprach: „Mir ist also, daß mir ein jeglicher Spruch die Welt zu enge macht.“ Die Worte standen ihm zu gewaltig da. Das Wort Gottes, welches sein Herz und Gewissen gefangen hielt, bewirkte, daß er jede Irrlehre so entschieden abwies. „Mir nicht des Friedens und Einigkeit“ — ruft er aus — „darüber man Gottes Wort verlieret: denn damit wäre schon das ewige Leben und alles verloren. Es gilt hier nichtweichen, noch etwas einräumen dir oder einigen Menschen zu Liebe; sondern dem Wort sollen alle Dinge weichen, es heiße Feind oder Freund.“1) Welch‘ ein Gegensatz zwischen Luther und den modernen Theologen in Bezug auf die Abweisung des Irrthums! Wo ein Luther meinte, daß „Gott zuschmeißen müsse in Kurzem“, 2) da singen sie. noch Lieder von Liebe und Duldung. Luther schrieb „Wider das Pabstthum zu Rom, vom Teufel gestift„. In der Luthardtschen „Kirchenzeitung“ aber wurde es vor nicht langer Zeit an einem Buche getadelt, daß in demselben die papistische Rechtfertigungslehre eine „Teufelslehre“ genannt sei. Man tadelt Luthers schroffe Polemik und rühmtsich, daß man jetzt einen viel sanfteren Ton anschlage. Nun merkt man freilich oft nicht viel von der „Sanftheit“ in der Polemik der neueren Theologen, wenn persönliche Interessen in’s Spiel kommen. In diesem Falle können auch sie sehr — unsanft mit einander umgehen. Gerade auch die neueste Zeit liefert hier Beweise genug. Aber das ist wahr: man beweist meistens sehr viel Toleranz, wenn es sich um die Lehre handelt. Die Ursache dieser Unentschiedenheit ist: die Herzen sind nicht in Gottes Wort gefangen, sondern mit eigenen Gedanken über Gott und göttliche Dinge erfüllt. Wenn sich zwei moderne Theologen streiten, so traut schließlich keiner von beiden seiner eigenen Sache. Das Wort „hat“ sie nicht. Ihre „Toleranz“ ist daher sehr erklärlich und sehr wohlfeil. Wir aber wollen durch Gottes Gnade mit Luther sprechen: „Mir nicht des Friedens und Einigkeit, darüber man Gottes Wort verlieret“; uns erhalte Gott den Sinn: „Mir ist also, daß mir ein jeglicher Spruch die Welt zu enge macht.“ F.P.

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1) Predigt von der Christlichen Rüstung und Waffen. Erl. Ausg. 19, 269.

2) Erl. Ausg. 26, 304.

December 1884.

Wider die neuere Fälschung des lutherischen Schriftprincips.
(Schluß.)

Es ist eine in der lutherischen Kirche feststehende Wahrheit, daß das Urtheil und Gericht über die Lehre bei der Kirche oder Gemeinde sei. Luther, indem er auf Sprüche, wie Matth. 7, 15. 1 Joh. 4, 1. 2c. verweist, ruft aus: „Ueber die Lehre zu erkennen und zu richten, gehöret vor alle und jede Christen, und zwar so, daß der verflucht ist, der solches Recht um ein Härlein kränket.“1)

Dieses Recht raubt der Pabst den Christen geradezu, und dieser Raub ist das Fundament des ganzen Pabstthums. Aber dieses Recht der Christen wird auch dann angetastet, wenn nicht fest stehen bleibt, daß nur das als christliche Lehre anzuerkennen sei, wofür ein klares, ausdrückliches Schriftwort beigebracht werden kann.

Das dem so sei, liegt auf der Hand. Gäbe es eine Erkenntniß über das vor den Augen aller Christen liegende Schriftwort hinaus, gäbe es christliche Wahrheiten oder Theile von christlichen Wahrheiten, die nur durch hohe Künste von Vernunftschlüssen oder durch eine sogenannte höhere Auffassung der geistlichen Wahrheiten an das Tageslicht gefördert werden könnten, so würden diejenigen, welche nicht so begabt sind und auf diese hohen Künste sich nicht verstehen, dazu verurtheilt sein, den mit dem höheren Gedankenflug Begabten aufs Wort zu glauben. Das Wort Gottes, wie es vor den Augen der einfältigen Christen liegt, wäre dann nicht die ausreichende Norm für die Beurtheilung der Lehre. Wir hätten dann wieder den Pabst, ja, viele Päbste, in unserer eigenen Mitte!

Aber nichts dergleichen! Wie jedes Christen Seligkeit daran hängt, daß er den rechten Glauben habe und desselben gewiß sei, so kann und soll auch jeder Christ — auch der ungelehrteste — nach dem Worte Christi, das ihm Christus in die Hand gegeben hat, alle Lehre, die vor ihn gebracht wird,

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1) Wider König Heinrich in England XIX, 424.

richten und beurtheilen. Was in diesem Wort nicht geoffenbart vorliegt, das soll er, als eines Fremden Stimme, zurückweisen. Kommt z. B. Jemand zu ihm, der mit Vernunftfolgerungen umgeht, etwa in dieser Weise: „Wenn dieser Glaubensartikel so lautet, so muß ein anderer nothwendig so lauten“, so soll er ihm getrost sagen: „daß dieser Glaubensartikel so lautet, sehe ich aus Gottes Wort; daß aber auch der andere nothwendig so lauten müsse, wie du sagst, will ich nicht eher glauben, als bis du mir Gottes Wort dafür bringest. Ich will mit meinem Glauben nicht auf deinem Schließen und Folgern, sondern auf Gottes Wort stehen..“ Deshalb sagt Luther so oft, daß ein Christ schon mit seinem Katechismus, als in dem kürzlich die heilige Schrift zusammengezogen sei, alle Lehre urtheilen könne. Er schreibt: „Denn wo ein Christ fleißig wäre, und hätte nicht mehr, denn den Katechismum, die zehen Gebote, den Glauben, das Vater Unser und die Worte des HErrn von der Taufe und Sacrament des Altars, der könnte sich fein damit wehren und aufhalten wider alle Ketzereien. Kein besser Wort noch bessere Lehre wird aufkommen, denn so im Katechismo aus der heiligen Schrift kürzlich verfasset ist. Darum soll man dabei bleiben, auf daß, wenn ein Ketzer und Schwärmer auftritt und anders lehret, man sagen könne: das ist nicht recht gelehret, denn es stimmt nicht mit meinem Katechismo.1) Wer daher ein Lehrer der Christen sein will, soll wissen, daß er die Pflicht habe, alles, was er lehrt, in dem Wort der Schrift aufzuzeigen; er soll, in Bezug auf das, was er vor die Christen bringt; nicht beweisen, wie er es ergrübelt oder mit seiner Vernunft erschlossen habe, sondern er soll im Stande sein zu sagen: „So spricht der HErr!“ „So stehet geschrieben!“ In der christlichen Kirche soll die Regel gelten: „So Jemand redet, daß ers rede als Gottes Wort“ (1Petr. 4, 11.). Und zwar soll die Regel nicht bloß so im Großen und Ganzen gelten, sondern in Bezug auf Alles, was Jemand in geistlichen Dingen vor die Christen bringt; in Bezug auf jeden Gedanken, auch den kleinsten Theil einer Lehre, soll sich ein Lehrer mit dem „Es stehet geschrieben“ legitimiren können. Kann er diese Legitimation nicht beibringen, so schweige er, und wenn er im Uebrigen der gelehrteste und frömmste Mann wäre. Es ist eine Beleidigung der Christen, vor sie als Lehrer ohne Schriftwort hinzutreten. Damit wird den Christen eo ipso Abfall von Christo, die schwerste Sünde, die Sünde der Abgötterei, zugemuthet. Man will sie herunterreißen von dem Grunde der Apostel und Propheten, darauf sie erbauet sind, Eph. 1, 19.; man will ihnen das Characteristicum der Christen nehmen, das Christus selbst im Gleichniß also beschreibt: „Einem Fremden aber folgen sie nicht nach, sondern fliehen vor ihm, denn sie kennen der Fremden Stimme nicht.“ (Joh. 10, 5.) Hat daher Jemand Gedanken, die ihm zwar sehr schön und erbaulich vorkommen, die er aber nicht als in Gottes Wort geoffenbart aufzeigen kann, so soll er

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1) E.A. 5, 386.

sich dieselben möglichst bald wieder vergehen lassen; keinenfalls aber soll er es wagen, mit denselben vor die Christen hinzutreten. Luther schreibt: „O, wie manch feine Einfälle hab ich in der Schrift gehabt, die ich hab müssen lassen fahren, welche, so sie ein Schwärmer hätte gehabt, wären ihm freilich alle Drückerei zu wenig gewesen; und will wohl glauben, wo solche Gedanken meiner Schwärmerei einem wären eingefallen, es sollte vielleicht jetzt weder Carlstadt, Zwingel, Oecolampad, noch die Andern etwas gelten.“1)

Wir heben hiermit keineswegs den Unterschied zwischen Lehrern und Hörern in der Christenheit auf. Es muß fest stehen bleiben, daß Gott nicht allen Christen das gleiche Maß der geistlichen Erkenntniß gibt, noch viel weniger allen die Gabe, öffentlich zu lehren, verleiht. „Sind sie alle Apostel? Sind sie alle Propheten? Sind sie alle Lehrer? Sind sie alle Wunderthäter? Haben sie alle Gaben gesund zu machen? Reden sie alle mit mancherlei Sprachen? Können sie alle auslegen?“ 1 Cor. 12, 30. Diejenigen unter den Christen, welche Gott mit besondern Gaben fur den Dienst in der Kirche ausgerüstet hat, haben eine größere Fertigkeit, die Schrift zu verstehen, sie auszulegen und den wahren Sinn der Schriftworte gegen die Verkehrer desselben zu vertheidigen. Ja, sie müssen Manches wissen, wovon die meisten Christen gar keine Kenntniß haben. Ein Theil der Lehrer der Kirche ist vielleicht mit umfassenden philologischen, historischen und philosophischen Kenntnissen ausgerustet. Aber dies alles macht sie noch nicht im geringsten Stück zu Herren des Glaubens der Christen. Sie kommen nämlich, was die Erkenntniß der Glaubensartikel betrifft, um keine Linie über das Schriftwort hinaus. Mag Jemand noch so gelehrt, seine historische und philologische Bildung noch so gründlich und umfassend, seine Frömmigkeit noch so innig, seine geistliche Erkenntniß noch so tief sein: er kann mit allem diesem die Summa der Glaubensartikel nichtum einen einzigen vermehren, noch auch bei einem einzigen Glaubensartikel das geringste Theilchen aus sich herausspinnen. Er ist und bleibt mit seiner geistlichen Erkenntniß an das Schriftwort gebunden. So bleibt er auch immer dem Urtheil der Christen, das die Christen nach dem einfachen Schriftwort fällen, unterworfen. David spricht Ps. 119, 99.: „Ich bin gelehrter, denn alle meine Lehrer“, setzt aber hinzu: „denn deine Zeugnisse sind meine Rede.“ Freilich gehört neben der oratio und tentatio auch die meditatio zu den Dingen, welche einen Theologen machen. Aber das rechte Meditiren besteht nicht etwa darin,daß man seinen eigenen Gedanken über göttliche Dinge nachhängt, sondern darin, daß man das bereits geoffenbarte Wort, wie es in der Schrift vorliegt, im Herzen bewegt und dem nachsinnt, was von geistlicher, himmlischer Weisheit uns Gott im Wort kund gethan habe. Luther sagt von der Meditation in der bekannten klassischen Stelle über

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1) E. A. 30, 46.

die „rechte Weise, in der Theologie zu studiren“: „Zum andern sollt du meditiren, das ist, nicht allein im Herzen, sondern auch äußerlich die mündliche Rede und buchstabische Worte im Buch immer treiben und reiben, lesen und wiederlesen, mit fleißigem Aufmerken und Nachdenken, was der Heilige Geist damit meint. . . Darum siehest du in demselbigen (119.) Psalm, wie David immerdar rühmet, er wolle reden, dichten, sagen, singen, hören, lesen, Tag und Nacht und immerdar, doch nichts denn allein von Gottes Wort und Geboten. Denn Gott will dir seinen Geist nicht geben ohne das äußerliche Wort, da richte dich nach.“1)

Gott hat es wunderbar in seiner Kirche eingerichtet. Die Kirche nimmt alle Gelehrsamkeit und alle hohen Gaben in ihren Dienst, ihren allerheiligsten Glauben zu lehren und zu vertheidigen, und doch wird sie dabei nicht Menschen — auch den gelehrtesten und begabtesten nicht — in Bezug auf ihren Glauben unterthan. Sie bleibt Herrin im Hause, die nur Christi Wort unterthan ist und nach Christi Wort alles richtet. Freilich behält sie diese Stellung nur dann, wenn fest stehen bleibt, daß jede Lehre, welche in ihrer Mitte erschallt, sich durch das Schriftwort als rechteLehre legitimiren müsse.

Unser Bekenntniß sagt (Müller S. 338): „Sobald der Kirche das rechte Urtheil und Erkenntniß (das ist, Gericht) genommen ist, kann nicht möglich sein, daß man falscher Lehre oder unrechtem Gottesdienst könnte steuern, und müssen derhalben viel Seelen verloren gehen.“ Da aber der Kirche das Urtheil und Erkenntniß über die Lehre factisch nur dann verbleibt, wenn festgehalten wird, daß jede Lehre sich auf das ausdrückliche Schriftwort gründen müsse, so müssen wir sagen: „Alsbald man zuläßt, daß mehr christliche Lehre sei, als im Schriftwort geoffenbart vorliegt, kann nicht möglich sein, daß man falscher Lehre oder unrechtem Gottesdienst könnte steuern, und müssen derhalben viel Seelen verloren gehen.“

Prof. Franz Pieper

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